Mittwoch, 25. November 2020

Den Ishu - High U Gonna Feel [Supernature 022]

DeepHouse. Filter. Funk-Lick. Vocal. Und das Ganze dann gedehnt auf 8 Minuten und n büschen, wie mensch in Hamburg zu sagen pflegt. Schön. Auch, weil in der Form und Konsequenz lange nicht gehört. Wäre bei mir vor 10 Jahren wahrscheinlich gnadenlos durchgefallen aus den anfangs genannten Gründen, kassiert jetzt aber wegen einsetzender Altersmilde und einer immer stärker werdenden Sehnsucht nach kleinen, intimen, rotplüschigen Clubs mit eigenständigem Booking, eingespielten Residents und ohne Fremdveranstalter im Boot zusätzliche Sympathiepunkte. Ausserdem stehen auf Grund meines recht angeschlagenen Seelenzustandes traurig-verhallte Moll-Pianos – Atavism-Remix! – hoch im Kurs, ebenso wie sehnsuchtsvoller EmoHouse. Mag ich.

9/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Mittwoch, 18. November 2020

Sean Roman - The Moan EP [Fest Records 001]

Erst die Parties, dann das Label. Interessantes Konzept, das die übliche Reihenfolge gnadenlos umdreht und jetzt mit Sean Roman's „Moan EP“ die erste Katalognummer auf die Welt loslässt. Dahingestellt sei jetzt einmal, ob die Welt jetzt wirklich noch eine Platte mit harmlos-melodischem, aber durchaus solide vor sich hin groovendem TechHouse braucht, zweifelsohne erfüllen aber sowohl „Moan“ als auch „Bocuse“ die Mindestansprüche für ebensolchen und halten die Meute auf der Tanzfläche – sowohl im Club als auch auf diversen sommerlichen OpenAirs in Mecklenburg-Vorpommern oder wo auch immer. Gleiches gilt auch für die Remixes von M A N I K – wer denkt sich eigentlich in Zeiten von Google freiwillig so eine Schreibweise aus, ausser heroinabhängigen WitchHouse- und ChillWave-Projekten? – und Waifs & Stray, denen zwar die Funktionalität gut zu Gesicht steht, aber von Rezensentenseite doch die Forderung nach „Mehr Mut!“ auslösen. Gute Ausführung, aber eben auch nicht zwingend mehr.

6/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Mittwoch, 11. November 2020

Reptile Youth - Speeddance [HFN Music 013]

Wenn eine Band ohne eine einzige Veröffentlichung im Gepäck Europa und Asien betourt, Clubs in chaotisch-energiegeladene Moshpits verwandelt und dabei Fans einsammelt wie ein für den Winterschlaf hamsterndes Eichhörnchen gibt es im Regelfall nur zwei konträre Erklärungen – total überbewerteter Hype oder aber echtes Potential. Im Falle der Reptile Youth trifft glücklicherweise letzteres zu und deshalb ist „Speeddance“ mit seiner Fuck-Noise-Disco-Attitude, dreckig-verschwitztem Basslauf und den „wir können gar nicht anders als mitbrüllen“ Vocals der heisseste Anwärter für die IndieElectroGrunge-Hymne des kommenden Sommers, wenn nicht des ganzen noch recht jungen Jahres. Von IndieKid bis zum RavePunk kann sich jeder auf „Speeddance“ einigen, ohne dass die verrückt gewordenen Dänen auch nur den Hauch eines Kompromisses eingehen müssen. Stattdessen wird mit dicken Eiern und grossem Selbstbewusstsein auf der B-Seite der 7“ noch eine Coverversion von Deathcrush nachgeliefert, die sich zwischen Homerecording-Ästhetik, Genialen Dilletanten, einer aus dem Ruder gelaufenen Faust-Session, eimerweise Noise und Oval’schem CD-Skippen bewegt. Die spinnen doch alle.


10/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Sonntag, 1. November 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Weihnachten. Während der Normalbürger sich zwischen Konsumrausch und Strassenkrieg zum Jahresende den kleinen und grossen Dramen im Kreise der Familie und / oder der Lieben widmet und der halbwegs musikinteressierte Mensch sich wieder – und zu Recht – über die Ergebnisse ungezählter Jahrespolls echauffiert, nutzt der Schreiber dieser Zeilen die angeblich besinnliche Zeit, um noch einmal ein paar zu Unrecht unterbewertete oder einfach übersehene Scheiben des letzten Jahres Revue passieren zu lassen. Es folgt: kein Jahresrückblick.

Beginnen wir mit der schon im Juli auf dem inselbritischen Label Peng Sound erschienenen „Gorgon Sound E.P.“ des gleichnamigen Projektes, die dank kompliziert verschachtelter Importumwege über Frankreich erst jüngst den Weg in hiesige Plattenläden fand. In schwerem Karton-Gatefoldcover auf 180 Gramm-Vinyl bedient diese E.P. die Freunde des haptischen Musikerlebnisses schon im Vorfeld des ersten Tons und entpuppt sich mit ihren vier Tracks als wahres Brett in Sachen klassischer Dub / DubHouse-Kultur. Mächtige, raumgreifende Analogbässe bilden das Gerüst für fordernde 4/4 Beats sowie Dub-typische Offbeat-Chords und Rimshots, zu denen auf zwei Tunes Junior Dread und Guy Calhoun verhallende Vocals beisteuern. Ansonsten regiert die Tiefe des Hallraums über die Reduktion auf absolut essentielle Elemente und genau darin besteht die grosse Kunst der originären Dubkultur, was diese 2x12“ zur absolut unausweichlichen Anschaffung macht.

Weiter geht es mit „Y“, dem zweiten und wieder in kompletter Eigenregie veröffentlichten Doppelalbum des deutschen Duos [aniYo kore], welches auch mit seinem neuen Werk der Errettung und Wiederbelebung des vocallastigen TripHop / Downtempo-Genres einen weiteren, riesigen Schritt näher kommt. Musikalisch der dunklen, gern auch am Schmerz des Lebens tief leidenden Moll-Tonlage auf skelettiertem Beatgerüst zugetan, öffnet sich das Soundspektrum der Band auf diesem Album weg vom Illbient-Ansatz hin zum, teils intim folkigen, Gitarren- und Basseinsatz und inkludiert partiell sogar Raps, ohne sich jedoch weit vom bekannten Grundton des charakteristischen [aniYo kore]-Sound zu entfernen. Nicht ausschliesslich, aber auch, empfohlen für Freunde von Portishead, Nicolette & Co. und in einer Auflage von 300 Exemplaren nur direkt über die Band zu beziehen.

Doch auch in puncto Wiederveröffentlichungen und Neuauflagen hielt das vergangene Jahr mehr qualitativ hochwertige Tonträger bereit als schriftlich in der ihnen gebührenden Länge diskutiert werden konnten. Beispielhaft für diesen durchaus begrüssenswerten Trend sei an dieser Stelle das via Mute / The Grey Area im November wieder zugänglich gemachte Cabaret Voltaire-Album „Micro-Phonies“ genannt, welches – noch einmal neu gemastert – nicht nur die nach wie vor zwingende Aktualität der bereits in 1984 veröffentlichten LP auf der Schnittstelle zwischen PostPunk-Elementen, Industrial-Resten, NuBeat und modernem Electro / ProtoTechno noch einmal neu vor die Augen einer damals noch ungeborenen Generation führt, sondern auch aus dem Fokus geratene Underground-Hits wie „Digital Rasta“, „Blue Heat“, „Spies In The Wires“ und das zu jener Zeit sogar gechartete „Sensoria“ hoffentlich wieder zurück auf die Tanzflächen der Welt bringt. Must have, weil geschichtsträchtig.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 02/2014

Freitag, 23. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Struktur. Denn gerade diese ist, wie die jüngsten Erfahrungen mit dem „Ich wäre gern Orkan geworden“-Wintersturm Xaver zeigen, in heutigen Gesellschaften auch immer höchst anfällig für irrationale Störungen – besonders für haus-, mensch- und mediengemachte. Früher war weniger Panik und in diesem wohlmeinenden Sinne dürfen alle musikalischen Strukturtraditionalisten bis zum letzten Teil dieser Kolumne getrost auf Durchzug schalten.

Den Anfang machen die drei Experimentalmusiker C. Spencer Yeh, Okkyung Lee und Lasse Marhaug mit „Wake Up Awesome“ auf dem in Brooklyn, New York beheimateten Label Software Recording Co. und liefern mit diesem Album ein 40-minütiges Manifest in Sachen Industrial Noize meets FreeJazz. Mäandernd zwischen tatsächlicher Echtzeitimprovisation und nachbearbeiteteten Studioaufnahmen erinnert „Wake Up Awesome“ in kurzen Phasen an die verglitchten Variationen der legendären „Ekkehard Ehlers plays Albert Ayler“-LP auf Staubgold, häufig an hochdigitalen Lärm und hat in ruhigeren Passagen wie „Mission: Nothing“ sogar rudimentär ambiente Züge, die natürlich umgehend durch allerhand mahlende Distortion und lavaartig gewitternde White Noise-Ausbrüche ad absurdum geführt werden. Heftiger Stoff für klirrend kalte Winternächte.

Gesitteter, wenn auch nicht weniger fern der Traditionsstrukur geht es auf den beiden aktuellen 3“ CD-Veröffentlichungen des Electroton-Labels zu. Beide auf jeweils 100 Stück limitiert, serviert Marek Slipek a.k.a. Cernlab mit seinem Viertracker „Atomherz“ als Katalognummer 014 des Labels hochgradig digitalisierten ElectroPhonk mit klar definierten Spielereien im Stereofeld, die auch fortgeschrittene Dancefloorcrowds dank ihrer sci-fi'esquen Bedrohlichkeit und zuweilen schizophren wirkender Klänge in den wohlverdienten Wahnsinn zu treiben verstehen, während ujif_notfound mit „Aneuch“ in drei Versionen dem zu Unrecht aus dem musikalischen Fokus dieser Zeit gerückten Clicks'n'Cuts-Genre zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. Dabei fusioniert er in Perfektion die präzisen Kleinstgeräusche digitaler Kommunikation und klickernder Festplatten mit fliessend weichem Ambient, der in dieser ausgereiften Form leider viel zu selten den Weg auf physische Tonträger findet – erst echt nicht auf so ansprechend minimalistisch geboxte, wie sie bei Electroton zum ästhetischen Standard gehören.

Nach diesem kurzen Ausflug ins Land der musikalischen Experimente und der aktuellen CD-Veröffentlichungen auf diesem Gebiet, geht es mit dem Re-Release des Monats nicht nur zurück zum schwarzen Vinylgold sondern auch ins Ethiopien der 1970er-Jahre, in dem Alemayehu Eshete sich als eine der grossen Stimmen einer blühenden Jazz, Funk und Soul-Szene hervortat. Schon in 2007 versammelte das Label L'Arome Productions zehn seiner in Zusammenarbeit mit Girma Beyene oder Lemma Demmissew enstandenen Songs unter dem Titel „Ethiopian Urban Modern Music Vol.2“ im Rahmen der „Ethiopiques“-Serie, die nun dankenswerterweise wieder auf Vinyl erhältlich ist und nicht nur exzessiven Cratediggern und Samplefreaks einen faszinierenden Einblick in die Musik eines lebendigen Nordafrika jener Jahre ermöglicht. Uneingeschränkt empfohlen für einen Ausflug in Gefilde weit jenseits der rein elektronischen Musik, die unsereins nahezu täglich umgibt.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 01/2014

Sonntag, 11. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Winterwahn. Auch wenn die dunkle Jahreszeit absehbar nachhaltige Veränderungen mit sich bringt, glänzt das letzte frühlingshafte Aufbäumen des Jahres zum Entstehungszeitpunkt dieser Zeilen noch einmal durch einen abwechslungsreichen Strauß bunter Vinylblumen, die es mit dieser Kolumne näher zu bestimmen gilt.

Angefangen mit dem italienischen Duo Gianclaudio Hashem Moniri & Giuseppe Carlini a.k.a. Plaster, das sich mit der Originalversion ihres Tracks „Circular Mechanism“ auf dem schwedischen Label SonouS dem Thema Ambient von seiner deepen, verdubbt elektronischen Seite her nähert und einen wahren Trip zwischen Deadbeat'scher Unterkühlung und der trippig hypnotischen Wirkung zu Unrecht unterschätzter Klassiker aus der Feder von Nommo Ogo oder Carlito Verde abliefert. Auf der Flipside findet sich ein Remix von Substance, der sich voll und ganz dem maximalstverzögerten SciFi-Dub widmet und sich dank seines schleppenden Ungrooves auch im Illbient-Kontext als wirksamer Lieferant innerer Unruhe und psychischer Unrast anbietet.

Das Gegenteil dieser Unrast findet sich mit Race To Space's „Baikal“ auf der dritten Vinylausgabe des russischen Imprints Ketama Records. Zwar findet sich auch hier ein Hang zur ambientösen Trippigkeit, diese jedoch fusioniert mit lieblichem Frauengesang und einem Downbeat (Not Downbeat)-Gefühl zu einer durchaus hörangenehmen Angelegenheit, die veredelt durch Remixer wie Benji Vaughan, Tripswitch und Electrosoul System nie die musikalische Komfortzone verlässt, selbst wenn es - wie im letztgenannten Remixfall – auch um Dancefloor-affine Beats mit abstrahierte NuSkoolBreaks-Ausrichtung geht. Sehr schön.

Ebenfalls schön und auf sehr erstaunliche Weise trotz ca. 50%iger Überschneidung zum Originalwerk wesentlich tiefgehender und kohärenter präsentiert sich die jüngst in limitierter Version auf schneeweissem Vinyl erschienene Instrumentalversion des zu Recht hoch gelobten „Lost“-Albums aus der Feder des dänischen Produzenten Anders Trentemøller, das in dieser Form noch eine weitere. neue Perspektive auf seine musikalischen Fähigkeiten eröffnet. Ein perfekter Soundtrack für geisterhaft vernebelte Frühwintertage.

Ebenfalls in coloriertem Vinyl gepresst ist die Laufnummer 022 des inselbritischen Drum'n'Bass-Labels Sinuous Records, das mit dieser die beiden Tracks „Excavator“ und „Complexity“ aus dem Studio des Produzenten Minor Rain direkt auf die Tanzflächen katapultiert. Extrem aufgeräumtes Sounddesign trifft im erstgenannten Tune auf messerscharfe Beats im Sinne des „long black tunnel“ der Endneunziger Virus-Schule, die ihre Faszination nicht nur aus der absolut technischen Versiertheit der Produktion, sondern auch aus ihren unterkühlten, sci-fi-verliebten und komplex verstolperten Percussion-Motiven schöpft, die sich mit tödlicher Präzision um die Hauptelemente Bassdrum und Snare winden. Auf der Flipside übernimmt dem Namen entsprechend eben genau jene Komplexität in Form minimalistischer, sich nahezu ineinander verschlingenden Beats die tragende Rolle und überführt das Erbe früher Photek-, Hidden Agenda- und Source Direct-Produktionen in minimalistischer Form in die Jetztzeit. Call it Complex Jungle?


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 12/2013

Donnerstag, 1. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…Monochromatismus. Wer den Verfasser dieser Kolumne kennt, wird ihn aufgrund seiner selten gebrochenen Vorliebe für vorwiegend schwarze bis maximal dunkelgraue Kleidung umgehend Lügen strafen. Doch weil dieser Tage ein Herbst Einzug hält in die Strassen dieses Landes und den Blätterwald der Alleen in ein Potpourri der Farben verwandelt geht es auch in dieser Kolumne zumindest stilistisch ein wenig bunter zu.

Angefangen mit der jüngst auf Poker Flat Recordings erschienenen „Lectures E.P.“ des jungen Niederländers Wouter De Moor, dem es nicht nur gelingt das erste Interview-Acapella überhaupt auf einer 12“ des Labels unterzubringen, sondern der auch die Worte des interviewten Theo Parrish in nahezu perfekter Wildpitch-Emulation im titelgebenden Track umsetzt. Geremixt wird dieser auf der Flipside von Kirk Degiorgio während Wouter De Moor auf A2 mit seinem ebenfalls grossartigen Oldskool-Cut „8 Voices“ noch einmal ein fettes Original mit rohen Claps und scharfen Hi-Hats nachlegt. So geht House.

Komplett gitarrenlastig geht es weiter mit der achten Veröffentlichung der Major Label-Schwester SuperKamiokandeDetektor, auf der mit „Jetzt Ist Es Kaputt“ eine überaus bezaubernde EP der Formation Goldner Anker erscheint. Wie gewohnt verortet zwischen unpoppigem Melodiengebrauch, rauher IndiePunk-Credibility und fragil rauchiger Frauenstimme liefern Goldner Anker hier drei kleine, aber feine Hits im Original – allen voran das antikonsumistische „Ticket“ - und lassen darüber hinaus den auf ihrem 2012 Debutalbum erschienen Song „Only You“ von Jkube durch den PostJungle vs. Dubstep-affinen Remixwolf drehen ohne das dabei das Original der vollkommenen Fragmentierung anheimfällt. Mission erfüllt.

Anderweitig organisch präsentiert sich die vierköpfige Dark resp. Future Jazz-Formation Falling, die mit dem aufwendig gestalteten „Original Motion Picture Soundtrack“ dieser Tage ihr auf 100 Exemplare limitiertes Debutalbum auf dem in Mettmann beheimateten Label Shhhh Records vorlegt. Im weitesten Sinne verortet zwischen Bugge Wesseltoft's New Conceptions Of Jazz-Ästhetik und den Future Jazz-Variationen des klassischen, ehemals in Wien beheimateten Showroom Recordings-Projektes emulieren Turgut Kocer, Helge Neuhaus, Gabriel Masterson und Frederik Groborsch hier einen waschechten Improv-Ansatz, ohne sich je zusammen in dieser Konstellation an einem realen Ort befunden zu haben. Die Welt des schnellen Datenverkehrs macht es möglich und schenkt uns mit „Original Motion Picture Soundtrack“ einen entschleunigten Score für vernebelte Herbstabende mit ernsthaften Drinks. Im Falle des Verfasser dürfte die Wahl des letztgenannten hier zweifelsohne auf einen Maple Old Fashioned fallen.

Zurück auf dem Dancefloor befinden wir uns final mit der „Guy Martin EP“ des Max.Ernst-Gründers und Studio-Veteranen Thomas Brinkmann a.k.a. Brinkmann in allerbester Gesellschaft. Verortet zwischen tiefenhypnotischem ClubTechno mit spannungsgeladener Crimescene-Atmosphäre und jazzigen Ambitionen, Metal'esquen Schrammelbässen auf Viererfußbasis und an FutureJazz orientierten Downtempo-Exkursionen liefert das Third Ear-Label mit dieser 12“ nicht nur drei qualitativ hochwertige Tracks sondern denkt mit dieser Zusammenstellung auch über gewohnte Genre- und Schubladengrenzen hinaus und macht damit deutlich, daß es letztendlich doch nur um eines geht: die Musik.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 11/2013

Samstag, 19. September 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

… reality. Nicht nur, weil das Leben manchmal wie ein Film erscheint, in dem mensch zufällig auch selbst eine Rolle spielt, sondern weil spätestens die Diskussion um PRISM, Echelon und Tempora auch den weniger aufmerksamen Individuen unter uns eine Ahnung davon vermittelt haben, daß es da draussen eine Menge Dinge gibt von denen der Normalbürger nur kaum eine Ahnung hat und auch wir – ohne verschwörungstheoretische Gedanken befeuern zu wollen – zuweilen nur Statisten in einem Film sind, bei dem Andere Regie führen. Aus diesem Grund geht es in dieser Kolumne um Soundtracks resp. solche Veröffentlichungen, die eigentlich als solche prädestiniert sind oder vorgeben, Soundtrack zu sein – wenn auch in der Zukunft.

Eine ebensolche Veröffentlichung ist „The Mean“, das auf dem Tapelabel Voluntary Whores erschienene Album des Ambient- / Deep Listening-Projektes Wardrobe Memories. Limitiert auf 48 Exemplare weltweit handelt es sich hier angeblich um einen Soundtrack, der durch einen missglückten Zeitreiseunfall in der Vergangenheit – dem heutigen JETZT also – gelandet ist und mit seinen weltraumkalt-fliessenden Strukturen trotz weitgehender Beatlosigkeit weit von purer Entspannungsmusik entfernt ist. Zu befremdlich wirken die immer wieder aufblitzenden Sprachfetzen und abgehörter Funkverkehr, zu kühl klingen die Pianos und zu verstörend die durch den Verzerrer gejagten Synth- und Gitarrensequenzen. Es liegt eine Spannung über diesem Tape, die zu Beginn der B-Seite die Luft nahezu greifbar verdichtet. Was auch immer das Thema dieses zukünftigen Films sein mag, es verkörpert Bedrohung in einem Masse, deren Intensität das heute Vorstellbare bei Weitem übersteigt.

Ebenfalls filmreferentiell ausgerichtet ist das auf Alien Transistor erscheinende Album „Return“, welches als drittes Album der Formation Saroos binnen knapp 38 Minuten Spielzeit musikalische Bezüge zur unter Cineasten als Film Noir geschätzten Spielart der Kinokunst liefert und sich weitläufig zwischen PostRock, Easy Listening, Dub, Downtempotronica, Jazz und Experimentalismus mäandernd jeder weiteren Einordnung vollends zu entziehen weiss, dafür aber durchaus auch psychedelische Hippiemomente liefert. Damit entpuppt sich „Return“ als tolles Frühherbstalbum für heimische Kaminabende und natürliche Kaufempfehlung für alle, die eben solche zu schätzen wissen.

Einen Film der dunkleren Sorte lässt sich hingegen zu „The Word As Power“ drehen, dem neuen, jüngst auf dem kongenialen Label Blackest Ever Black erschienenen Album von Brian Lustmord a.k.a. Lustmord, der hier mit vermittels seiner ultraminimalistischen Drone- und Dark Ambient-Visionen und den isolationistischen Vocals von Aina Skinnes Olsen und anderen einen quasisakralen Soundtrack für dunkle Rituale in vernebelten Herbstnächten schafft, der von zartbesaiteten Seelen als durchaus geisterhaft unheimlich empfunden werden kann, dem Schreiber dieser Zeilen jedoch eben aufgrund dieser Ausrichtung als tiefgehendstes Album der letzten Monate gilt und genau aus diesem Grund jedem geneigten Leser dieser Zeilen schwer empfohlen sei.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 10/2013

Freitag, 11. September 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…der Trend zum Digitalen. Denn auch wenn Spotify und sogar Youtube mittlerweile nicht nur auf Konsumentenseite immer mehr als ernstzunehmende Quelle für den täglichen Musikkonsum gelten und selbst Bruchteile von Minimalsthartgeldbeträgen labelseitig als mögliche Einnahme verbucht werden, kann auch das hochaufgelösteste .mp3-, .wav-, .ogg, .flac oder .whatever-File bestimmte Effekte der analogen Welt nicht ersetzen. Zum Glück.

So lässt sich beispielweise weder das der neuesten Veröffentlichung des österreichischen Labels Hirntrust Grind Media beiliegende (und natürlich ans Cover angelehnte) Aufnäh-Patch noch der ebenfalls in der Hülle befindliche ArtCard-Druck in seiner Stofflichkeit digitaliseren und auch die gefühlte Underground-Zuordnung einer pechschwarz belabelten 7“ mit grossem Innenloch ist nicht in Datenraten zu messen. Musikalisch liefern die Protagonisten dieser Splitsingle natürlich dem Label gerecht werdende Kaputtheit der allerersten Kategorie – Kenny Sanderson a.k.a. Facial Mess erforscht mit „No Intrinsic Value“ fies industriell verzerrte Varianten von mutiertem Grindstep während J. Randall als Sealteam 666 ein wahres Feuerwerk aus Noize, verzerrten Gitarren und flaksalvengleichen Breakcore- / Rhythm Industrial-Strukturen auf den freudig lächelnden Rezensenten abschiesst. Für mehr sonische Gewalt im Club!

Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Erlebnis vorwiegend analoger Freude ohne Vorwarnung stellte das Eintreffen des mysteriösen Tape-Triplets „Virgin“ / „Seams / „Dierows“ aus der vermutlichen Feder von Christine Nogociella dar. Versehen mit einer Warnung des „Department Of Defense / Defense Investigative Service“ und ohne Absender- oder Labelangabe wird hier über gefühlte drei Stunden hinweg mit langsam flutenden Ambient-/Drone-Exkursionen, vermutlich illegal abgehörtem Radioverkehr und befremdlich weltraumkalten Klangpassagen die Zeitmatrix völlig ausser Kraft gesetzt und der geneigte Konsument schon nach wenigen Augenblicken in eine dunkle, vollkommen fremdartige Welt versetzt, in der sich Melancholie, Trauer und das Gefühl totaler Einsamkeit Auge in Auge gegenüberstehen. Verbreitete mensch diese Tapes als Dauerschleife über die grossen Radiokanäle dieses Planeten, wäre die Welt vermutlich binnen Tagen in Chaos, Lähmung und Vernichtung a la „Krieg Der Welten“ gestürzt.

Ebenfalls vollanalog und auf nur 50 handnummerierte Exemplare limitiert ist eine – und seit langen Jahren die erste – frisch erschienene 12“ auf dem längst verloren geglaubten Kultlabel XXC3, das mit dem „Telepathic Bubblevinyl Vol. 1“ seine mehr als berechtigte Auferstehung feiert. Vier Tracks aus dem Umfeld des von Dr. Walker begründeten Liquid Sky Berlin zwischen sexy Groove und einer der unmittelbaren Herkunft geschuldeten Deepness, die sich über die Laufzeit der Einzeltracks in einen hypnotisch-verspulten Trip verwandelt. Gerüchten zu Folge ist auch Dr. Walker selbst mit einem Track vertreten, während die anderen Produzenten dank vollkommener Informationsarmut dieser EP im verschwommenen Dunkel verborgen bleiben – ebenso wie die Bezugskanäle, denn der Zugang zum Besitz der „Telepathic Bubblevinyl Vol.1“ wird nur dem gewährt, der sich noch altgedienter Wege und Strukturen zu bedienen weiss. Im stationären Tonträgerhandel ist dieser Tonträger ebenso wenig erhältlich wie bei den üblichen Verdächtigen des Internet. Wer suchet, der findet und analog ist besser.

Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 09/2013

Mittwoch, 2. September 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…Techno. Denn nach mehr als zwanzig Jahren der elektronischen Tanzmusik auf der Basis des allgegenwärtigen Viererfuß ist es zumindest in diesem Monat einmal an der Zeit, sich im Rahmen dieser Kolumne ausschliesslich und exklusiv der experimentellen Seite der nicht immer nur elektronischen Musik zu widmen.

Angefangen an dieser Stelle mit den Electronica-affinen Dubexkursionen eines Herrn namens Matthias Springer, der unter dem nicht ganz flüssig zu sprechenden Alias Aksutique dieser Tage seine „Notch Field E.P.“ auf Diametric vorlegt. Limitiert auf 300 handnummerierte 12“es vereint er unter diesem Namen drei Tracks gelagert zwischen dem Pole-Gefühl der ersten drei Alben, der stoischen, ambientösen Ruhe früher Senking-Veröffentlichungen, weichgezeichneten Hallfahnen und einer raumgreifenden, dreidimensionalen Tiefe, die das Verstreichen von Zeit anhand sich nur minimal verschiebender Klangsignaturen förmlich greifbar macht, ähnlich wie hochauflösende Deep Space Field-Photographie ein Gefühl für den immerwährenden Schaffensprozess innerhalb unseres Kosmos vermittelt. Durchaus wichtig und eine echte Bereicherung für jede gepflegte Vinylsammlung, nicht nur wegen des auf B2 versteckten Arne Weinberg Remix unter seinem Tarnnamen Valanx.

Ebenfalls deep und experimentell geht es auf dem in Griechenland beheimateten Label Inner Ear Records zu, welches sich dieser Tage mit Mechanimal's selbstbetitelten Debutalbum dem elektrosynthetischen Shoegaze widmet und sowohl campfire'esque Intimität als auch Suicide-angelehnte Distorsionsequenzen mit von tiefer Melancholie geprägtem Sprechgesang kombiniert. Auf diese Weise entsteht eine Klangwelt, die von staubigen Autobahnen in heruntergerockten Industriegebieten kündet, von harter Arbeit und den damit verbundenen Erfahrungen, vom Blues der Straße und von ölverschmierten Overalls. In dieser Gesamtheit sehr zu empfehlen zumal auch Depeche Mode mit ihrem jüngsten Album „Delta Machine“ eine nicht weit entfernte Ästethetik bedienen.

Gesang der ganz anderen Art liefert die noch junge, aber doch sehr talentierte Lisa Morgenstern, die nicht nur wirklich so heisst, sondern sich auch als eine der wenigen ihrer Generation an so selten gehörte Genres wie Theatrical Chanson und Dark Sonnet wagt und damit nicht nur auf der Bühne schwer zu beeindrucken weiss. Im Rahmen des WGT erschienen jüngst drei ihrer Werke als Beigabe zu Thomas Manegolds' limitierter Buch-EP „Vorgespräche Mit Goth“ in der Edition Subkultur. Mit ihren tiefgehenden, weitgehend Piano-getragenen Interpretationen ihrer Songs „Kannibalische Gourmet“, „Eskalation“ und „Lieber Tod“ zaubert Frau Morgenstern grosse Bilder auf die leere Leinwand des Kopfkinos und schafft dabei weit mehr Dramatik und Emotion als manch zu Unrecht geförderter Dramatik-Neuzugang der deutschen Theaterlandschaft. Diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht ersetzt das melancholisch-bittere „Lieber Tod“ mit seinen 329 Sekunden Laufzeit komplette Operetten und Musicals in Gänze und ist damit wohl die intensivste Veröffentlichung des laufenden Jahres. Wichtig.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 08/2013

Samstag, 22. August 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…November. Denn während diese Zeilen entstehen ist es noch Mai, der in diesem Jahr November heisst, und der grau überzogene hanseatische Himmel entlädt Fluten und Fluten von Regentropfen über einem Erdreich, das schon längst kein Wasser mehr aufnehmen kann. Es ist nicht Monsun, dafür ist es zu kalt, und statt eines erfrischenden Sommergewitters legt sich Melancholie über die Stadt.

Passend zu dieser Unjahreszeit veröffentlichte das grossartige Anticon.-Imprint mit Baths' „Obsidian“ jüngst das erste echte Herbstalbum des Jahres, das Downbeat / Backpacker HipHop, intimes IndieFolk-Feeling, Falsetto-Gesang sowie elegische Streicher und verschwebte Hintergrund-Chöre in Perfektion zusammenführt, um daraus einen höchst angenehmen Soundtrack für Kuscheldeckenabende vor dem heimischen Kaminfeuer zu formen. Selbst clubbigere Tracks wie „Miasma Sky“ mit seinem heimeligen Regentropfensampleintro brechen aus der herrschenden Intimität kaum nennenswert aus und so ergeben die zehn auf „Obsidian“ versammelten Songs in ihrer kompletten Lauflänge ein harmonisch rundes Gesamtpaket für die Plattensammlung eines der Melancholie durchaus zugetanen Menschen.

Grau und hoffnungslos, jedoch energiegeladener ist auch die Welt des Projektes N.R.F.B. a.k.a. Nuclear Raped Fuck Bomb um die beiden Masterminds Mense Reents und Jens Rachut, das mit „Trüffelbürste“ dieser Tage sein Zweitwerk in Albumform auf Major Label vorlegt. Weniger krawallig als auf ihrem Debut ist der ursprüngliche nukleare ElectroPunk ist einer gefühlten PostIndie-Attitüde gewichen, die der Resignation vor dem Alltag mit Ironie und unterschwellig versteckter Bösartigkeit in den Lyrics begegnet. Ein Song wie „Hälfte Des Gehirns“ erinnert zeitweilig an die Genialen Dilettanten des 80er Jahre Berlin während „Zoo Im Krieg“ auf wunderbare Weise fast krautrockig zu nennende Flächenelegien mit marschierenden 4/4-Drums und hypnotisch loopenden Gitarren fusioniert und so auch der (Neo)Cosmic-Posse zur Genüge gereicht. „Kollegenschwein“ hingegen kommt dem katalysiertem Wahnsinn ebenso gleich wie der überdrehte Easy Listening-Aspekt von „Der Ziegentreiber“ und dem etwas abstrakten „Fotoapparat“. Ein Album für die speziellen Momente des Lebens.

Doch hinter all dieser Trübnis wartet auch ein Silberstreif am Horizont – diesmal in Form des von Martin Scheer betriebenen und jüngst aus der Taufe gehobenen Berliner Labels Antime, welches dieser Tage seinen ersten 12“ Tonträger unter dem Namen „Antime V2“ in die Welt entlässt. Verortet zwischen verträumten DeepHouse-Elegien, Electronica- / (Neo)Cosmic-Referenzen und der dieser Tage obligatorischen Verneigung vor Future Garage kommen die sechs Tracks der Vinylversion von Abigail, Sebastian Dali, Owlet, Andreas Buchner, Midimum und dem von Audiolith's Stiff Little Spinner-Serie schon hinreichend bekannten Kalipo. Vor allem die epischen Breakdowns des Midimum-Openers „Junk Beach“ und die melancholiebehaftet angejazzten House-Pianos von Sebastian Dali's „Lady Marian“ gehören dieser Tage in jede gutsortierte Plattenkiste. Gelungener Start in eine leuchtende Zukunft.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 07/2013

Mittwoch, 12. August 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…Post... -whatever: PostDubstep, PostStep oder deren Derivate Skweee, Wonky und Aquacrunk, die mehr als maßgeblich zur Verwässerung eines Genres beitragen dessen kreativer Zenit in den Augen des Verfassers dieser Zeilen seit mehr als einem halben Jahrzehnt überschritten scheint. Und doch gibt es sie, die vereinzelten Ausnahmen in denen Dubstep als Ausdruck der urbanen Paranoia in seiner reinen, reduzierten Form auch dieser Tage noch seinen Weg via 12“ Vinyl auf die Plattenteller der Clubs findet.

So zelebriert beispielsweise Infra auf seiner im April erschienenen „Inside The Cold Mountain EP“ auf F4TMusic ein beklemmendes, hyperskelettiertes SciFi-Szenario in drei Akten, das in seinen grossen Momenten ein ähnliches Schaudern hervorruft wie zuletzt Distance anno 2007 mit seinem via Planet µ erschienenen Werk „My Demons“. Gerade der Titeltrack mit seiner nahezu statischen Sinusbassline und das futuristische „Propulsion“ bestechen durch ihre Fokussierung auf athmosphärische Dichte ohne sich in unnötiger Effekthascherei zu verlieren. Purismus für die dunklen Stunden der Nacht.

Auf ähnlich geartetem Terrain bewegen sich überraschenderweise auch Ulterior Motive mit ihrem auf Metalheadz veröffentlichten „Elephant Tune“, der als statischer SciFi-Roller den Sound des nie zu vernachlässigenden Labels in Richtung Dubstep öffnet, während das A-seitige „Right Here“ die Drum'n'Bass-Szene vermittels tiefgehend-verführerischer Female Vocals, schwarztunnelnder Basslines am unteren Ende des hörbaren Spektrums und konsequent klapperndem Beatfeuer aufmischt. Funktioniert nur auf wirklich exzellent eingestellten Anlagen und fordert per se einen zweifachen Rewind. Killer.

Selbst der seit geraumer Zeit aus meinem persönlichen Fokus verschwundene Skream sorgt dieser Tage wieder für Überraschungen, hebt doch „Kingpin“ - eine Studiokooperation mit DJ / Producer Friction sowie den Grime-assoziierten MCs P Money, Scrufizzer und Riko Dan – das noch recht frische Drum'n'Grime-Genre auf ein neues Level und liefert allen DJs eine massive Hymne für jeden Rave, gegen die der flipseitige Calyx & Teebee Remix trotz unbestrittener Dancefloor-Funktionalität doch wesentlich abfällt.

Seit jeher in Future Garage-Gefilden verortet ist das von Doc Daneeka betriebene Imprint Ten Thousand Yen, das dieser Tage mit seiner siebten Veröffentlichung aufwartet. Verantwortlich für beide Tracks der 12“ zeichnet Xxxy, der mit „Progression“ einen Synthie-beladenen Crossover zwischen TechHouse und eben genanntem Future Garage liefert, während „Thinking 'Bout“ mit elektroidem Swing dem neuzeitlichen Garage-Sound alle Ehre macht, durch perfekt bearbeitete Vocal-Snippets betört und natürlich auch im unteren Bassbereich ordentlich drückt. File under: 23rd Century Swing.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 06/2013

Sonntag, 26. Juli 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...


…“Exai“. Denn während die halbe Electronicawelt das neue Album der unter dem Namen Autechre firmierenden Glitch- und Abstraktionsfrickler Rob Brown und Sean Booth heiß diskutiert, schickt sich der in Bukarest beheimatete Produzent Octavian Justinian Uta a.k.a. Yvat an, den beiden britischen Herren mit seiner neuen Veröffentlichung auf Minor Label klammheimlich den Rang als Electronica-König abzulaufen. War sein letztes Release „Collider“ noch geprägt von industrieller Härte geht es auf der auf 200 Exemplare limitierten „Feldspar EP“ in vier Variationen um die Verknüpfung abstrakter, teils verfrickelter Beats mit warmen Bassläufen und zarten, träumerischen Melodien sowie – siehe auch „Feldspar 1.2“ - einer weltraumkalten sci-fi Attitüde, die auch den Autechre-Releases der mittneunziger Jahre innewohnte. Es ist doch immer wieder erstaunlich wieviel verborgenes Talent sich noch in den Staaten des ehemaligen Ostblocks weitgehend unter dem Radar der westlichen Wahrnehmung bewegt und dann von entdeckungsfreudigen Klein- und Kleinstlabels an die Oberfläche gefördert werden – watch out for Yvat, ich prophezeihe dem Mann noch Großes.

Groß im Sinne von episch über zwei CDs verteilt ist auch das „Live / Remix“-Album des Londoner Portico Quartet auf Real World Records, das mit seiner Musik zwischen Ambient, Electroakustik, TripHop / Downbeat sowie immer wieder auch frei fliessenden Jazz-Elementen und ein wenig cineastischem Kitsch pendelt. Während sich die „Live“-CD aus Tourmitschnitten des Jahres 2012 zusammensetzt und so die Arbeit der Musiker auf der Bühne im Zusammenspiel mit dem Publikum perfekt einfängt, treffen sich im „Remix-Teil unter anderem so illustre Namen wie SBTRKT, Luke Abbott, DVA und Konx Om Pax, verleihen dem Portica Quartet einen neuen Anstrich und transferieren die Tiefe der Originale in Richtung Future Garage, lange verschollenen geglaubte Sublow-Areale – DVA! -, Dillon'esque unschuldigen Experimentalpop, bassgetriebene TechGarage-Hybriden oder liebliche Ambientsphären zu einem rundum gelungenen Gesamtpaket, das jede CD-Sammlung bereichert. Gut.

Im Gegensatz zu vorgenannter, doch recht dezent daherkommender Veröffentlichung präsentiert sich das dieser Tage schwer gehypte Imprint Long Island Electrical Systems, kurz: L.I.E.S., mit seiner aktuellen Veröffentlichung nahezu unversöhnlich brachial, geht es bei den drei auf Verekers „Rosite EP“ enthaltenen Tracks doch um Musik für fortgeschrittene Bunkerbeschallung. Dumpfer, roher und brutalstmöglich analoger Acid und Techno, der sich mit seiner Live-Anmutung und vermittels langer Tracklaufzeiten wunderbar durch die äußersten Schalen des zerfeierten Raverhirns frisst und dort bösartig blubbernde Säurespuren hinterlässt, auch wenn die 303 nur auf dem titelstiftenden A-Seiten-Tune offensiv zwirbelt. Musik für das Leben im Untergrund.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 05/2013

Donnerstag, 16. Juli 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...


…being short of time. Denn für manche Veröffentlichungen braucht es Ruhe und Zeit, sie müssen reifen wie ein guter Whisky und vor allem auch wie dieser möglichst in einem Moment ungetrübter Aufmerksamkeit konsumiert werden.

Jene Aufmerksamkeit verlangt zum Beispiel das aktuelle und vor allem auf nur 25 mittlerweile wahrscheinlich vergriffene Exemplare limitierte Opus Magnum des nimmermüden Sascha Müller unter dem Titel „Sun Moon Stars“. Erschienen schon am 21.12.2012 – in Zeiten der kurzen Aufmerksamkeitsspannen rekapitulieren wir: Weltuntergang... nee, doch nicht. - geriet dieses schon auf Grund seiner blossen Gesamtlänge von 180 Minuten verteilt auf 3CDrs mit jeweils einem einzigen einstündigen Track ein wenig in Rezensionsverzug. Doch die Rückstellung hat sich gelohnt, finden sich hier doch spannende Variationen in LoopAmbient – zum einen hypnotisch pulsierend wie in „Sun“, unangenehm, strahlenkalt und mit psychoakustischen Effekten spielend (“Moon“) oder schlussendlich urtümlich rituell und getragen von den eindringlichen Didgeridoo-Schleifen der „Stars“. Wo nimmt der Mann nur die Vielzahl der Ideen und vor allem die Zeit für ihre Umsetzung her? Ohne direkte Vergleiche ziehen zu wollen nimmt diese Umtriebigkeit und Konzeptbezogenheit schon fast Namlook'sche Züge an.

Ebenfalls konzeptionell, wenn gleich auch musikalisch vollends anders orientiert ist das Album „Maskenball der Nackten“, das der ehemalige Goethes Erben-Frontmann Oswald Henke mit seiner kurz HENKE betitelten Band im März auf dem neuen Label Dryland Records veröffentlichte. Natürlich immer noch für alle Fans der schwarzen Szene unverkennbar er selbst - vor allem dank seines zuweilen sperrigen, immer jedoch leidenden Sprechgesangs - präsentiert sich das neue Projekt zwischen epischer, fast überladener Romantik („Grauer Strand“), abstrakter Nachdenklichkeit („Zeitmemory“) oder mal mehr, mal weniger offensichtlicher Ausrichtung auf die Zwei-Schritt-Vor-Und-Zwei-Zurück-Tanzfläche („Vergessen“ / „Epilog“). So verortet erschließt sich „Maskenball Der Nackten“ gerade dem Nichtvertrauten nicht zwingend beim ersten Durchlauf, fügen sich die Songs erst mit der Zeit zu einem düster nagenden Gesamtbild, auch wenn das treibende „Fernweh Ist“ szeneintern schnell zum Hit mutieren dürfte.

Im direkten Vergleich dazu veröffentlicht der Hamburger Künstler Incite Hu mit seiner kürzlich auf Hafenschlamm Records erschienen „Gift EP“ das Blueprint für verstörende Unmusik im Sinne der sogenannten Genialen Dilletanten und liefert mit den beiliegenden Digitalis-Samen zusätzlich echtes und nicht nur akustisches Gift für die geschundenen Seelen dieser Welt: verrauscht industrielles LoFi-Knorkeln trifft hallende Tapeschleifen mit verfremdeten Stimmfetzen, scheinbar gegenläufige Strukuturen und beklemmend paranoide Sounds. Während die A-Seite ohne Unterbrechung eine Liveperformance des Projektes im Golden Pudel Club dokumentiert liefert die Flipside der auf 147 Exemplare limitierten 12“ zwei Variationen des RhythmIndustrial AntiHits „Arsch Brennt“ und damit den idealen Soundtrack für den nächsten Spank-Exzess der Wahl.

Tl;dr: Unit Moebius trifft auf Vatican Shadow zur gemeinsam überdosierten Opium-/Crack-Party. Krank.


 Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 04/2013

Mittwoch, 8. Juli 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...


…silence. Denn auch wenn kontemplative Stille durchaus etwas Beruhigendes und Angenehmes haben kann, ist die Verunreinigung eben jener durch das Phänomen Geräusch die elementare Grundlage des Business, in dem wir uns bewegen.

Ähnlich meditativ wie in der Stille an sich geht es auf der neuesten Veröffentlichung des Labels Voluntary Whores zu, das allen Drone- und Ambientliebhabern mit der Katalognummer 003 ein C105-Tape – ja, liebe Kinder: 105 Minuten Musik auf einer Audiocassette – des neuen, bislang noch etwas rätselhaften Projektes Nogociella serviert und damit nicht nur extrem tiefenentspannte Musik, sondern zum wiederholten Male auch ein begehrtes Sammlerobjekt liefert. Limitiert auf nur 40 Exemplare weltweit – wie gewohnt in 7“-Plastiktasche mit zwei Photos und einer partiell grenzwertigen Beigabe auf deren Widerlichkeitsfaktor an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll. Aber nicht umsonst lautet der Titel „Quando Comincai A Vomitare“ - und ja, es geht ums Kotzen und um andere recht unglaubliche Dinge wie nichtexistente Kirchen und verschwindende Menschen. Auch wenn die Musik für sich allein gestellt das nicht vermuten lässt.

Das genaue Gegenteil zur vorgenannten musikalischen Meditation liefert das österreichische Spezialimprint für hyperkaputte Musik jeglicher Art mit seiner jüngsten Veröffentlichung. Die Rede ist von Micky Napalms “Toxic Elements“, die seit Anfang des Jahres via Hirntrust Grind Media ihre Runden in den eingeweihten Zirkeln dieser Welt dreht. Fies verzerrter IndustrialNoiseHop in toxisch grünem 7“-Vinyl mit gewohnt grenzwertigem Coverartwork, das – ebenso wie die Musik – weder für nervenschwache noch für minderjährige Menschen wirklich geeignet ist. Wer allerdings mit einer gesunden Vorliebe für zerfetzte Nervenzellen gesegnet ist, darf an dieser Stelle beherzt zugreifen, denn das „Grind“ im Labelnamen liesse sich auch problemlos durch „Gore“ ersetzen und die Krankheit hat System.

Partiell laut und ungewohnt tanzflächentauglich geht es auf dem ersten Release des neuen Label Raketenbasis Haberlandstrasse zu, auf dem Betreiber und Littlebrutalravebastard Sascha Schierloh in halber LP-Länge unter den Tarnnamen Bidol Cath und Rgyeue DF seiner Leidenschaft für verquasten Techno härterer Grade frönt und seinen legendären Track „Guck Mal Ihre Beinchen An Wie Ein Schwein“ sogar von Industrial-Legende Xotox remixen lässt. Auf der Flipside findet sich dann ein von Michael Nowicki a.k.a. Panzerboy666 a.k.a. Cosmo Woslowski produziertes Electronica-Medley mit wahnwitzigen 19+ Minuten Spielzeit. Raketenbasis Go! Go! Go!

Eine große Überraschung ist auch das schon im Dezember auf R&S Records veröffentlichte MPIA3-Album „Your Orders“, das nach dem meines Erachtens eher schwachen Neustart des Labels zum ersten Mal wieder eine Form gesunder roher Härte und die damit eng verbundene Ekstase zurück in den Katalog der legendären Plattenfirma bringt. Die sechs Tracks auf Doppelvinyl strotzen mit ihren hochkomprimierten Bassdrums nur so vor Kraft und dekliniert das Thema Acid zwischen reduziert und clubbig-verspult mit Chicago-Einfluß bis hin zum zerstörerischen Bunkerbrecher und bretthartem IndustrialElektro mit kreischenden 303-Linien einmal komplett durch. Völlig unerwartet wartet R&S hier mit dem Mut und der Klasse längst vergangener Tage auf und katapultiert sich mit nur einem Release zurück auf meine persönliche Watchlist. Massivst.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 03/2013

Mittwoch, 1. Juli 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Weihnachtswahnsinn. Oder Weltuntergang. Denn während sich die Menschen auf den Straßen sowohl wegen des einen als auch des anderen Themas die Köpfe zermartern, entsteht diese Kolumne in seeliger Ruhe und nur begleitet von den ganz und gar nicht besinnlichen Tönen der jüngst erschienen „Dead Kore Dead Tube“ EP des Spiral Tribe-, SP23- und 69db-Mitglieds James Hawley, besser bekannt als Jack Acid. Veröffentlicht auf digitalem Wege via Djungle Fever Berlin gibt es hier eine ungezähmte, rohe und nervenzerreissende Variante von Acid auf die Ohren, deren Ursprung zweifelsohne in dreckigen Industriekellern und schwer illegalen Freetekno-Parties zu suchen ist. Sehr gut.

Zu Hause im Club hingegen ist das neueste Release aus dem Hause Metalheadz Platinum, auf dem sich Artificial Intelligence & Command Strike als Kollaborateure die Ehre geben. Sowohl „Mad One“ mit der Unterstützung von Jamakabi am Mikrofon als auch „Broken Grounds“ liefern ein handwerklich perfektes Blueprint für klassisch-rollenden, Subbass-verliebten Drum'n'Bass, der ohne große Schnörkel jeden Tanzflur zum Beben und mit seinen abgrundtiefen Frequenzen Hosenbeine zum Flattern bringt. Absolut zeitlos und daher wichtig.

Kürzlich an dieser Stelle hoch gelobt wurde mit „Mars“ das aktuelle Album von Ahmed Abdullahi Gallab a.k.a. Sinkane, aus dem jetzt in der Phonica Records Special Edition die Single „Runnin'“ ausgekoppelt wurde. Neben dem Originalsong gibt es Remixversionen von Chandeliers und Daphni, die sich auf höchst spannende Weise dem Afrobeat-beeinflussten SynthPop meets Funk-Entwurf des gebürtigen Ägypters nähern. So geht Pop ohne Anbiederung an jegliche Mainstreamgefilde.

Und auch im Hause Audiolith hält das Popverständis dieser Tage Einzug in Form einer Splitsingle aus dem berühmt berüchtigten Audiolith Singles Club. Während sich Fuck Art, Let's Dance! mit ihrem Song „Maze“ in die Herzen verliebter Indiemädchen clubben ziehen Tubbe mit „Mess“ andere Seiten auf und rocken nach Herzenlust die queere Show mit einer ElectroClash-Interpretation, die sich gewaschen hat.

Weniger queer, dafür aber genau so tanzflurtauglich präsentiert sich das in Edinburgh beheimatete HipHop-Triplet Young Fathers, das mit dem „Tape One“ ihr erstes Album auf Anticon. vorlegt, vermittels nur acht Tracks den Glauben an eben jenes Genre wieder zum Leben erweckt und dieses problemlos mit hymnischen Indie-Hooklines, Afrobeat-Einflüssen, Grime-Vibes, Reggae und dräuendem Gangster-Funk kombiniert. Pflichtkauf für alle, die sich noch mit Begeisterung an die 2009er Two Fingers 12“-Veröffentlichung „What You Know“ in Kollaboration mit Sway erinnern, auch wenn knapp 20 Minuten Laufzeit in diesem Fall natürlich viel zu wenig sind. Bitte mehr davon.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 02/2013

Dienstag, 23. Juni 2020

THERE’S MORE TO LIFE THAN...

... 12“-Business – Teil 2. Denn dieser Tage erscheinen zu viele zu gute Alben in kurzer Abfolge und das Zeichensoll der Dezemberkolumne war zu schnell erfüllt, um sich wirklich komplett mit allen wichtigen Veröffentlichungen auseinanderzusetzen.

Sträflich vernachlässigt wurde in der letzten Ausgabe unter anderem die erste Vinylveröffentlichung der Illbient-Spezialistin Giulia Loli a.k.a. Mutamassik seit 2004, die sich jetzt mit ihrem auf 250 Exemplare limitierten Allbum „Rekkez“ auf dem belgischen Label ini.tu endgültig zurückmeldet, nachdem es abgesehen von zwei digitalen Veröffentlichungen auf RunRiot Records und Sa’aidi Hardcore Productions in 2009 und 2010 lange Zeit recht still um sie geworden war. Musikalisch geht es natürlich noch immer um Illbient und düster-experimentellen InstrumentalHop mit oft orientalischen Einschlägen, eingehüllt in musikalische Opiumwolken und fiebrige Stimmungen, die ihre visuelle Entsprechung im beigelegten Poster finden. Gut, das.

Ebenfalls aus Belgien kommt das Label Sub Rosa, dessen jüngster Streich das Re-Release des ursprünglich in typischer Industrialmanier auf C20-Cassette in Eigenregie veröffentlichten Etat Brut-Albums „Mutations Et Protheses“ aus dem Jahre 1981 ist. Zum ersten Mal überhaupt auf Vinyl erhältlich spiegelt das Material die frühe Phase der von 1979 – 1984 aktiven Industrial- / Noise-Pioniere wieder, die hier eindrucksvoll Echos und Verzerrer mit teils prägnantem, fast funky zu nennenden Bassspiel kombinieren und so die These von Industrial als totaler Antimusik konterkarieren; auch wenn der Lärm- / Abstraktionsfaktor hier natürlich enorm bleibt.

Um Längen zugänglicher, wenn nicht im direkten Vergleich sogar niedlich, kommt dagegen das Global Goon-Album „Plastic Orchestra“ auf dem Label 030303 daher. Elf auf Doppelvinyl verteilte Tracks interpretieren den Genrebegriff Electronica hier auf äußerst freundliche Weise und scheinen zumindest einen Teil ihrer Soundquellen tatsächlich aus Plastik- und/oder Kinderinstrumenten zu beziehen, während der andere Teil von alten Analogsynthies genährt scheint. Ein Album, bei dem mensch schnell das Gefühl bekommt, von der Musik geradezu umarmt zu werden. Sehr seltenes Phänomen dieser Tage und am liebsten würde ich jetzt sofort in einem Stück wie „Morphon Diezepad“ versinken, das gerade angenehm weich und anschmiegsam durch meine Boxen wabert. Toll.

Schlussendlich wird es an dieser Stelle sogar ausnahmsweise richtig tanzbar, verdient doch die Tatsache unbedingte Erwähnung, das Parris Mitchell’s 1994er Dance Mania-Album „Life In The Underground“ jüngst als Katalognummmer 001 des noch frischen Ghetto House Classics-Labels wiederveröffentlicht wurde - angeblich offiziell authorisiert durch Mr. Mitchell persönlich und neu gemastert vom Original-DAT. Furztrockener Chicago-Shit, natürlich mit den bei Dance Mania üblichen Ecken und Kanten, die für die jüngere Generation oft nicht mehr nachzuvollziehen sind, aber von roher Energie und Aufbruchstimmung zeugen. Gibt’s so heute nicht mehr. Schade auch. Ist nämlich geil. Und Tracks wie „Work It (Re-Mix)“ oder „Ghetto Booty“ sind der Juke von vor verdammten 18 Jahren. Schon deshalb: kaufen.

Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 01/2013

Dienstag, 9. Juni 2020

THERE’S MORE TO LIFE THAN...


... 12“-Business. Je länger meine Entscheidung nun zurückliegt, mich weitgehend anderen Dingen als dem Nacht- und DJ-Leben zu widmen und - wenn überhaupt - nur noch auf wirklich reizvollen Veranstaltungen, in von Freunden geführten Locations, zu besonderen Anlässen oder – im Sinne des Kapitalismus - ganz pragmatisch für Summen aufzulegen, die den ganzen Aufriss einer durchgemachten Nacht auch lohnen und es ansonsten einfach bleiben zu lassen, desto wichtiger wird mir persönlich das Albumformat, auch wenn dessen bevorstehender Tod und die Fokussierung auf einzelne Songs im digitalen Zeitalter immer wieder von Künstlern und Labels beklagt wird. Und doch, ein komplett in sich stimmiges Album, am Stück gehört mit Freunden oder allein und ggf. begleitet von einem Glas hochwertigen Alkohol - dieser Tage bevorzugt Bourbon oder sofern verfügbar auch Rye – ist in der Lage Geschichten zu erzählen und den geneigten Hörer auf eine Reise mitzunehmen, die weit über das hinaus geht was die gewöhnliche Maxisingle zu leisten vermag.

Auf das Erzählen einer selbigen angelegt ist die erste Veröffentlichung des noch jungen Tapelabels Voluntary Whores, das mit dem auf 40 Kopien limitierten Release „I Was A Good Hunter Until That Day...“ des Projektes Bears. – mit Punkt! – zwischen Dark Ambient, Jazz-Drumming und Noize eine mysteriöse Begebenheit aus dem Kanada der 1930er Jahre nachzeichnet und damit durchaus gruselige Momente erzeugt. Krankes Zeug und auch ohne echte Sprecher ein ziemlicher Trip. Hörspiel (Not Hörspiel) dürfte wohl der passende Claim dafür sein.

Weniger gruselig, aber überaus begrüßenswert ist die Tatsache, das das großartige Rangleklods-Debutalbum „Beekeeper“ dieser Tage via Schoenwetter Schallplatten endlich auch auf Vinyl erhältlich ist. Luxuriös als Doppel-LP im Gatefold-Cover gibt es hier nicht nur die 10 Tracks des Albums sondern zusätzlich als D-Seite noch die „Home EP“ der Indie- / SynthPop-Formation, die jüngst als Vorband von WhoMadeWho tourte und mit ihren nebulös melancholiegetragenen Songs viele Herzen im Sturm eroberte. Ganz großes Songwriting, ein Gespür für überraschende Wendungen und tolle Videos. Ich prophezeie eine güldene Zukunft und lege die Band hiermit ALLEN unseren Lesern und besonders auch den Depeche Mode-Fans unter ihnen ans Herz – Songs wie „On Top“, „Riverbed“ oder „Clouds“ erklären das Warum von selbst, auch wenn Rangleklods weit weniger catchy daherkommen als viele klassische SynthPop-Bands, den Griff zur halbakustischen Gitarre nicht scheuen und dann auch Alternative Country können. Ein Album für die Ewigkeit und ich bin der kürzlich hier im Heft vorgestellten Nachteule Lilly Rumler für den Hinweis „So geil, musst Du unbedingt anhören“ zu ewigem Dank verpflichtet.

Eine weitere faszinierende Geschichte, diesmal aus der Vergangenheit, erzählt auch das englische Label Mordant Music, das mit der Wiederveröffentlichung des ursprünglich im Jahre 1979 erschienenen Albums „Recorded Music For Film, Radio & Television: Electronic Vol. 1“ aus der Feder des Musique Concrete-Komponisten Tod Dockstader einen spannenden Einblick in die elektronische Musik der Prä-Techno-Ära ermöglicht und insgesamt 13 kurze Synthesizer- / Cosmic- / Ambient-Experimente wieder zugänglich macht. Meines Erachtens nach schon aus historischen Gründen eine der wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Wochen und zweifelsohne musikalisch immer noch hochaktuell. Get.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 12/2012

Samstag, 30. Mai 2020

THERE’s MORE TO LIFE THAN...


... EDM. Auch wenn ich diesen Begriff zugegebenermaßen in den Früh- und Mitt-2000ern in Anlehnung an das weit verbreitete Akronym IDM („Intelligent Dance Music“; kleine historische Auslassung für die spätgeborenen Leser unter uns: die IDM-Mailinglist existiert seit 1993 im Internet und wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um die Veröffentlichungen des Rephlex-Labels online zu diskutieren.) oft benutzt habe, um den musikalischen Ansatz meines eigenen Labels Intrauterin Recordings zu skizzieren: das Veröffentlichen tanzbarer, elektronischer Musik unabhängig von Genregrenzen und stilistischen Einschränkungen. Dabei hatte ich jedoch anderes im Sinn als die Deadmau5s und Guettas dieser Welt – Vielfalt. Kreativität. Unabhängkeit.

Mit diesen Stichworten ist auch der Output des legendären, in Manchester beheimateten Labels Factory Records grob und passend beschrieben, der dieser Tage via Strut Records zu neuem Leben erwacht. „FAC.DANCE 02“ versammelt 24 längst verschollene Perlen aus dem Backkatalog der Jahre 1980-1987 auf Doppel-CD , unter anderem die großartigen Quando Quando, A Certain Ration mit „Lucinda“, Sir Horatio’s nebelgrauen „Sommadub“ und natürlich Fadela’s „N’sel Fik“, dessen Introsequenz die gesampelte Grundlage von Lennie De Ice’s 1991er Breakbeat-Klassiker „We Are i.e.“ darstellt. Mehr Geschichtsstunde auf einmal geht kaum und schon deswegen sei „FAC.DANCE 02“ an dieser Stelle schwer empfohlen.

In ähnlicher Tradition steht auch die Debutveröffentlichung der obskuren Band Die Else Girls, jüngst erschienen als 7“ in einer Auflage von 300 Exemplaren via iRRland. Während die A-Seite mit der Originalversion zwischen Artschool, Dada, NDW und (No)Wave mäandert liefert Flavio Diners auf der Flipside filternden DiscoDeepHouse jenseits des derzeit üblichen Tempolimits und liefert dabei Anknüpfungspunkte zu Labels wie dem längst vergangenen Ladomat 2000, aber auch zum Ware-typischen Pop-Aspekt der Schaffhäuser’schen Prägung. Spannend und meines Wissens nach nicht über die regulären Vertriebskanäle zu beziehen.

Weiter geht es mit den Trentemöller & Visionquest Remixen für den David Lynch Song „Pinky’s Dream“, im Original zu finden auf dem Album „Crazy Clown Time“ und einer der zugänglichsten Songs auf dem Langspieler. Während Trentemöller mit seiner Neubearbeitung den Weg des dunklen ElectroWave wählt und der sehnsüchtigen Stimme von Karen O ein düster-treibendes Korsett schnürt, beschreiten Visionquest dunkle KrautDisco-Pfade im Sinne der letzten DC Recordings-Veröffentlichungen und schicken die Tanzfläche zu später Stunde auf einen spacig-kosmischen Trip. Sehr schöne 12“, aber trotz CutOut-Cover und gefühltem 180Gramm-Vinyl mit einem Ladenpreis von fast 14 Euro eigentlich zu teuer.

Gleiches gilt im Übrigen für die „Permissions Of Love“ 3-Track EP der wunderbaren Tropic Of Cancer, die im Laden mit ungefähr 18 Euro zu Buche schlägt. Dabei ist diese Platte mit einer Auflage von 500 Exemplaren plus zusätzlicher Nachpressung von 300 Stück in weißem Vinyl nicht einmal sonderlich limitiert und legt so den Verdacht nahe, das hier tatsächlich die Profitgier langsam durchschlägt. Auch wenn der stoisch dronige Wave-Ansatz mit Shoegaze-Attitude für Fans des Genres eine echte Offenbarung ist, lässt sich ein Preis wie dieser nur noch schwerlich rechtfertigen.

Nach einem durchaus fälligen Anstieg der Vinylpreise in den letzten 24 Monaten ist jetzt langsam ein Punkt gekommen an dem das Ende der Fahnenstange erreicht scheint und die Branche Gefahr läuft, dem noch von Vielen geschätzten Medium durch Drehen an der Preisspirale den Garaus zu machen. Das gilt es zu verhindern, oder?


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 11/2012

Samstag, 23. Mai 2020

THERE’s MORE TO LIFE THAN...

...Standardformate - gerade weil es in unserer elektronischen Welt immer sehr geordnet zwischen 12“ und in Ausnahmefällen 7“ zugeht und selbst dem von mir geliebten 10“ Format noch fast etwas Exotisches anhaftet. Doch es geht auch anders.

Nachdem Sascha Müller den Formatfaschismus in diesem Jahr schon mit dem Revival von DIY-Tapeauflagen und – wir erinnern uns – in Hardcases verschraubten DVDrs aufs heftigste bekämpft hat, geht er mit seiner neuen „Booty Flop“-Serie noch einen Schritt weiter und holt mit 3.5“-Disketten ein weiteres Medium aus dem Keller, dessen Tod schon in den Neunzigern als vollends besiegelt galt und darüber hinaus nie als Medium zur Veröffentlichung von Musik geeignet war. Enthalten ist pro Veröffentlichung ein Track im 48 oder 64 kpbs aufgelösten mp3-Format, limitiert auf 10 Kopien pro Laufnummer. Erwähnenswert hier vor allem die Folge 1 der Serie mit einem obskuren MashUp von Michael Jacksons „Billie Jean“, das klingt als wäre es durch einen Telefonhörer an einer analogen Kupferleitung aufgenommen. Völliger Irrsinn in Hyper-LoFi.

Dagegen ist die ebenfalls aus der Müller’schen Feder stammende zweite Veröffentlichung auf dem Label Psychocandies schon fast gewöhnlich, steckt hier doch eine auf 100 Stück limitierte 7“ mit hypnotischem AnalogAcid statt in einem normalen Cover in einer semi-antiken 8“ Diskettenhülle. Sieht nicht nur gut aus, klingt auch so.

Viel weiter und über den Rand des verpackungstechnischen Wahnsinns hinaus geht in diesem Monat nur Turgut Kocer mit seinem Materiau-Label und der Veröffentlichung des fünfteiligen Gesamtwerkes „Eminenzen Gold“, das limitiert auf insgesamt nur 3 Downloads und 7 Doppel-CDrs erscheint. Letztere verpackt in einer verklebten 12“ Plastikhülle mit einem zusätzlich verpackten, mehrseitigen Manifest mit einem teilverbrannten Photo, Rollsplit, Kohlestückchen, Knäckebrotkrümeln und einer als Samplequelle dienenden alten Schellackplatte als zusätzliche Dreingabe. Ein großes FUCK YOU erstmal als Dank für die widerlich schwarz eingestaubten Finger beim Öffnen des Paketes und kein weiterer Kommentar zur Musik, da mein Laufwerk sich konsequent weigert mehr als ein paar Sekunden der CDrs abzuspielen, bevor verdächtige Brumm- und Knarzgeräusche aus seinem Inneren mich zum panikartigen Abschalten des Gerätes zwingen, um einen Totalschaden zu vermeiden. Die Vermutung liegt nahe, das die aufgebrachten Sticker eine Rotationsunwucht verursachen, deren Folgen zumindest für mein Laufwerk fatal sein könnten. Das ist nicht witzig.

Eine Verschiebung und Verzerrung des Zeit- und Realitätsformates hingegen betreibt Arthur Boto Conley’s Music Workshop mit der Veröffentlichung von drei großartigen Stücken des ominösen Musikers Clifford Trunk auf dem Label Travel By Goods, dessen vierte und vorliegende Veröffentlichung auf 333 Exemplare schneeweißer 12“es limitiert ist. Laut beiliegender Geschichtsverortung sind alle drei Titel einem unveröffentlichten Demotape ebenjenes in Deutschland geborenen Amerikaners entnommen, übergeben an Mr. Conley nach einer zufälligen Unterhaltung im Ratinger Hof der späten 80er. Mythenbildung? Oder gar doch ein futuristisches Genie? Der Techno- / House-Ansatz jener Stücke ist zumindest erstaunlich smooth, wunderschön arrangiert und im Falle des „551 (Dub)“ sehr nahe an SpeedGarage ohne cheesy Samples, während „418“ (Neo)Trance und „940“ säurehaltigen und extrem zurückgenommen ArmchairTechno Warp’scher Prägung in Reinkultur vorwegnehmen. Groß.

Eine weitere Verschiebung, diesmal der Hörgewohnheiten, steht den Fans des InFine-Labels mit dem Signing des Bassmusik-Duos Downliners Sekt bevor, die mit ihrer Single „Trim / Tab“ nicht nur ihr für 2013 geplantes Album ankündigen sondern dem Label Tür und Tor ins sogenannte „’ardcore continuum“ öffnen, beackern sie hier doch das Feld zwischen melancholischem Future Garage und verrauschtem, auf dem Prinzip des Antigroove aufgebautem Digital R’n’B, wobei natürlich auch der PostRave-Ansatz früher Burial-Werke nicht zu kurz kommt. Deep shit.

Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 10/2012