Sonntag, 21. Februar 2021

Opus Leopard - Walküre [Up To The Sky]

Durchgefallen. Unabhängig davon ob das jetzt Konzeptkunst, Novelty oder im allerschlimmsten Fall sogar Ernst gemeint ist, denn das Sprechsingen von Schickeriatexten mit Wiener Schmäh überlassen wir dann doch lieber dem längst verstorbenen Original. Schlechte Falco-Kopien braucht die Welt nicht im Ansatz und Zeilen wie „Du hast zwar schöne Schuhe, doch ein Herz das hast Du keins.“ auch nicht. Gäbe es hier Negativpunkte wäre das mindestens eine -8 auf der nach unten offenen Facepalm-Skala. Voll verdiente

0/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012

Samstag, 13. Februar 2021

Marie Madeleine - Ural Baikal Amour [Ekleroshock 038]

Coverartwork: Junge Frau mit abgeschnittenem Gesicht auf einem Bootssteg, bekleidet nur mit weissem, fast durchsichtigen Spitzenbody. URL der Band endet mit .xxx . Ein Schelm, wer da nicht Lunte riecht und tatsächlich deutet sogar der Waschzettel eine erotische Reise in der Transsibirischen Eisenbahn als Thema an. Und ein gewisser Sex-Drive ist Marie Madeleine mit ihrem hormonell aufgeheizten ElectroClash- / Wave-Crossover tatsächlich nicht abzusprechen, der auch im Goth- und Indie-Kontext durchaus Freunde finden dürfte. Auf der Remix-Seite machen die The Rapture-Buddies Populette und Rubinskee die Dinge unter sich aus während Les Petits Freres De l’Ocean Indien - bitte französische Tüddelchen an der richtigen Stelle einsetzen, danke – den Song „Winter Skies“ gleich komplett neu einspielen, dabei auf fragile female Vocals und ein ebenso zerbrechliches Skelett aus analogen Synthesizern und leicht electroiden Beats setzen, die dem Song ein komplett neues Gesicht verpassen. Kann mensch so machen.

7/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012

Sonntag, 7. Februar 2021

Elef - Nuff Said [Carry On 004]

Auch wenn sich die Frage stellt, warum ein Label Promo-CDs in diesen Tagen mit .wav- anstatt mit .aiff –files verschickt, liefert Elef hier streng genommen solide House-Kost für die kleinen intimen Clubs dieser Welt ohne in diesen grosse Aufregung zu verbreiten. „Black Hole“ im Original ist weichgezeichnet für die ganz frühen Morgenstunden, auch wenn die gedoppelte Clap tendenziell ein wenig nervt. Dafür liefert Gerd im Remix dann ein sexy forderndes Brett mit Chicago-Bezug und zitiert in der Machart die Klassiker des Genres, speziell die der späten 80er Jahre, während der Titeltrack ebenfalls housey und durch den ganz speziellen Nebelfilter daherkommt, der Elef-Produktionen dieser Tage ausmacht. Ausserdem als Remixer dabei: die britischen Zoo Look, ebenfalls leicht vernebelt und mit einer Prise Chicago in ihrem DeepHouse-Ansatz. Gute


6/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012

Sonntag, 31. Januar 2021

Various Artists - Muchas FATcias Part 1 & 2 [Freude Am Tanzen]

Mit vollem Elan startet die Freude Am Tanzen-Posse in den Sommer und schickt ihre zweiteilige „Muchas FATcias“-Serie in das Rennen um die beste Bikinifigur. Mitmodeln dürfen unter anderem das Krause Duo, Juno 6, Douglas Creed und Feindrehstar und beackern ein musikalisches Feld zwischen stoischem MinimalTechno im ursprünglich kölschen Wortsinn, croonendem Piano-Zeitlupen-Downbeat mit fast schon übertriebener Sleazyness und vertripptem Jazzfaktor, der auch der legendären „Showroom Recordings Series“ auf Cheap gut zu Gesicht gestanden hätte, liefern aber auch dezent, unaufgeregt pumpenden House, einen überraschenden Ausflug der Monkey Maffia in Richtung UK Funky und den ein oder anderen Filler auf zugegeben hohem Niveau. Nicht zwingend essentiell, aber doch eine gute Ergänzung fürs heimische Plattenregal.
7/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012

Sonntag, 24. Januar 2021

Blacks On Blondes - How To Escape From A New Age World [Rotraum Music]


Soso, Blacks On Blondes. Was im ersten Moment nach einem nicht sonderlich kreativen Pornofilmtitel klingt entpuppt sich beim zweiten Hinsehen als das Pseudonym eines Herrn namens Yannick De Ka Moulage, der hier ein durchaus solides aber leider auch langweiliges 124BPM Housealbum vorlegt. Durchlaufend wie ein DJ-Mix präsentiert hört mensch den sechzehn Tracks ihre Entstehung in einem ibizenkischen Studio durchaus an, stellt aber ebenso schnell fest, dass diese – wie tausende andere Tunes auch – eben auf genau diesen balearischen Markt zugeschnitten sind und als quasi austauschbare Massenware ausserhalb von Beachclubs und Terrassenparties sehr schnell ihre Berechtigung verlieren, weil das so in der Form nach der 100sten Ibiza-Compilation eigentlich schon seit vielen Jahren niemand mehr so richtig braucht. House Muzak, ohne Schreibfehler.


5/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Sonntag, 17. Januar 2021

A Thousand Vows - I RMX U [Samplefreunde 018]

A Thousand Vows kommt aus Oldenburg. Auch wenn niemand so recht weiss, wo das eigentlich ist. Von diesem nebulösen Ort aus kontaktiert er Bands und Projekte weltweit, um deren Musik in sein ureigenes Soundgerüst zu betten, das irgendwo zwischen Backpacker-Beatscience a la Anticon., verträumter Indietronica und dem weitgefasst-schwammigen WitchHouse-Universum verortet ist und so trifft es sich auch nicht schlecht, dass sich unter den so neu Bearbeiteten neben eher unbekannten Acts wie Kirrin Island, Monster Rally oder Billion One auch der Anticon.-Rapper Sole befindet. File under: Frühherbstliche Befindlichkeitsmusik für Fans von Burial, Nicolas Jaar oder John Talabot. Oder für Dates mit introvertierten Indiemädchen.

6/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Sonntag, 10. Januar 2021

Amon Tobin - Amon Tobin Boxset [Ninja Tune]

15 Jahre Amon Tobin. 15 Jahre elektronische Musik auf höchstem Niveau, Kollaborationen mit Philip Glass und Ryuichi Sakamoto, Arbeiten auf dem Sektor der Film- und Videospielmusik und nun für Ninja Tune Anlass für die wohl ambitionierteste Retrospektive der Labelgeschichte – ein limitiertes, massiv-mechanisches Boxset mit sechs 10“es, sieben CDs und zwei DVDs, vollgepackt mit weitgehend unveröffentlichter Musik aus der Feder von Amon Tobin. Ein wahres Fest für Fans und Sammler, dem die vorliegende Promo-CD mit insgesamt 14 Tracks aus dem Gesamtpaket aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal im Ansatz gerecht werden kann, trotzdem jedoch die ganze Grossartigkeit des Projektes zwischen TripHop und Drill’n’Bass zumindest erahnen lässt. Anspieltips: „Lost And Found (Colin Stetson’s The Thief Redux)“ / Ryuichi Sakamoto „Grief (Amon Tobin Remix)“ / „Bloodstone (Royal Albert Hall Live)“

9/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Freitag, 1. Januar 2021

Still Flyin' - On A Bedroom Wall [Staatsakt]

Pop. 80er. Auf dem Waschzettel Verweise in Richtung New Order, Tears For Fears, Ultravox. Grundsätzlich sind das schon mal die richtigen Stichworte und wenn Haima Marriott of Architecture In Helsinki-Fame als Produzent noch ein wenig Indie der harmloseren Sorte dazurührt heisst das Ergebnis „On A Bedroom Wall“, taugt für einen verliebten Sommer auf der Tanzfläche und unter Umständen auch für einen kleinen Ausflug ins gute Daytime-Radioprogramm („Spirits“), ist aber leider letztendlich doch zu wenig eigenständig für’s Langzeitgedächtnis, auch wenn die gesamte Platte so angenehm vertraut klingt wie die Stimme einer guten alten Freundin. Me likey.

7/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Sonntag, 27. Dezember 2020

Caravan Palace - Panic [Embassy of Music]

ElectroSwing, GypsyJazz und der von mir gern spasshaft so geschimpfte Zigeunertechno gelten vielerorts als Sound der Stunde, bescheren Veranstaltern volle Häuser und liessen auch das Erstlingswerk der Formation Caravan Palace laut Presseinfo mehr als 150.000 Mal über den Ladentisch wandern. Ein Erfolg, der in ähnlicher Weise wohl auch dem jüngst veröffentlichten Nachfolger „Panic“ blühen könnte, kombiniert er doch anfangs genannte Elemente mit klassischem und hochgepitchtem Swing und trifft damit den sogenannten Nerv der Zeit. Ebendieser geht dem Rezensenten aber nach spätestens 2 Songs ganz gehörig auf den Sack, sorgt in seiner comichaften Überdrehtheit für gewaltig schlechte Laune und das Bedürfnis als Gegenmittel hintereinander mindestens zwei LPs von Merzbow oder V/Vm zu hören – bei maximaler Lautstärke. Falscher Ansprechpartner, daher kein Recall. Furchtbare Musik.

0/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Dienstag, 22. Dezember 2020

Mittekill - All Bored, Weak And Old [Staatsakt.]

Lieb meets lo-fi. Semi-elektronischer Befindlichkeitsindie mit Verständnis für Sehnsucht, Herzschmerz, Songwritertum und die grosse Gefühlsduselei nach der Pille zu viel. Ketaminblues für genau den Moment wenn beim ersten Aufstehen nach drei Tagen wach Musik zwar muss, aber die gerade Bassdrum eben doch noch nicht so richtig wieder geht. Und beim Blick auf die Uhr des antiken iBooks des übermüdeten Schreiberlings entwickelt sich ein Titel wie „Jtzt wrd gfckt“ sogar zum 01:30 a.m.-Minihit. Ob das ausgeschlafen auch geht? Der Zweifel nagt bei Songs wie „Jobs“ und „Baby Rok“. Dem Zustand geschuldet und jede Verantwortung ablehnend vergebe ich trotzdem...

7/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Dienstag, 15. Dezember 2020

DAT Politics - Blitz Gazer [Sub Rosa 342]

Let’s party like it’s 1999. Passt irgendwie, denn seit eben diesem Jahr rocken DAT Politics mit ihrer 8bit-infizierten, zuweilen auch hypernervösen Interpretation von Synth- und RoboterPop die Tanzflächen und vor allem Live-Bühnen dieser Welt. Nun holen sie mit ihrem neuen Album „Blitz Gazer“ zum erneuten Rundumschlag aus, gewohnt verortet zwischen Trash und Catchiness und gefangen in einer ewigen Zeitschleife zwischen Micromusic, Bodenständig 2000, dem frühen Jeans Team und einer nahezu Plemo’esquen Vorliebe für zuckersüssen Kitsch. Auch geeignet für Fans von kontemporären Bands wie Bondage Fairies und wäre 1999 nicht schon so lange her sogar beinahe grossartig. Charming, aber nach 13 Jahren Konsequenz leicht angestaubt klingend verdienen sich DAT Politics mit „Blitz Gazer“ trotzdem noch gute

8/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012

Mittwoch, 9. Dezember 2020

SCSI-9 - Metamorphosis [Klik Records]

Die russischen SCSI-9 veröffentlichen ihren fünften Longplayer nun also auf dem griechischen Label Klik Records und lassen schon mit dem ersten Track des Albums – passenderweise „Intronome“ benannt – die Ohren des Rezensenten weit aufgehen, lassen sich doch Parallelen zu legendären Veröffentlichungen wie der „Showroom Recording Series #01“ auf dem Wiener Label Cheap Records oder der ersten „Future Sound Of Jazz“-Compilation bei diesem Stück angedubbtem Future Jazz nicht verleugnen. Ab dem zweiten Track übernimmt dann doch wieder – im ersten Moment ist der Gebrauch des Wörtchens „leider“ fast naheliegend – die gerade Bassdrum, auf deren Basis das Duo jedoch anmutig frostig-filigrane Flächenkonstrukte oder warm angedubbte House-Ästhetiken schichtet, die nach dem Genuss von „Metamorphosis“ im heimischen Ohrensessel den Griff zur Repeat-Taste fast zur automatischen Bewegung werden lässt. Durchaus angenehm.

7/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Addison Groove - Transistor Rhythm [50 Weapons]

Das lang überfällige Electro- und GhettoBass-Revival ist in vollem Gange und einer der Schuldigen ist Addison Groove, der mit seinem Tune „Footcrab“ quasi aus dem nichts eine neue Welle der Begeisterung für ebenjene Musiken auslöste. Auch wenn die Kids und Hipster heute aus welchem Gründen auch immer Juke oder Dubstep schreien, der alte Gärtner kennt seine Kräuter und weiss noch immer ganz genau welche Pflänzchen dieser musikalischen Mischung die besondere Würze verleihen. Dreckige Vocals, dicke 808-Drums und ein gehöriger Schuss Unformatted Breaks / South London Bass im Sinne von Acts wie Neil Landstrumm, Michael Forshaw oder alter SMB- / Deadsilence-Releases gehören sicherlich dazu. Und eine gesunde Härte, damit es nicht nur im Club sondern auch auf illegalen Warehouse-Raves ordentlich knallt. Das tut es. Am liebsten in grossen Industriehallen damit sich der Bass auch richtig entfaltet und die morschen Fenster ordentlich scheppern.

8/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Mittwoch, 25. November 2020

Den Ishu - High U Gonna Feel [Supernature 022]

DeepHouse. Filter. Funk-Lick. Vocal. Und das Ganze dann gedehnt auf 8 Minuten und n büschen, wie mensch in Hamburg zu sagen pflegt. Schön. Auch, weil in der Form und Konsequenz lange nicht gehört. Wäre bei mir vor 10 Jahren wahrscheinlich gnadenlos durchgefallen aus den anfangs genannten Gründen, kassiert jetzt aber wegen einsetzender Altersmilde und einer immer stärker werdenden Sehnsucht nach kleinen, intimen, rotplüschigen Clubs mit eigenständigem Booking, eingespielten Residents und ohne Fremdveranstalter im Boot zusätzliche Sympathiepunkte. Ausserdem stehen auf Grund meines recht angeschlagenen Seelenzustandes traurig-verhallte Moll-Pianos – Atavism-Remix! – hoch im Kurs, ebenso wie sehnsuchtsvoller EmoHouse. Mag ich.

9/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Mittwoch, 18. November 2020

Sean Roman - The Moan EP [Fest Records 001]

Erst die Parties, dann das Label. Interessantes Konzept, das die übliche Reihenfolge gnadenlos umdreht und jetzt mit Sean Roman's „Moan EP“ die erste Katalognummer auf die Welt loslässt. Dahingestellt sei jetzt einmal, ob die Welt jetzt wirklich noch eine Platte mit harmlos-melodischem, aber durchaus solide vor sich hin groovendem TechHouse braucht, zweifelsohne erfüllen aber sowohl „Moan“ als auch „Bocuse“ die Mindestansprüche für ebensolchen und halten die Meute auf der Tanzfläche – sowohl im Club als auch auf diversen sommerlichen OpenAirs in Mecklenburg-Vorpommern oder wo auch immer. Gleiches gilt auch für die Remixes von M A N I K – wer denkt sich eigentlich in Zeiten von Google freiwillig so eine Schreibweise aus, ausser heroinabhängigen WitchHouse- und ChillWave-Projekten? – und Waifs & Stray, denen zwar die Funktionalität gut zu Gesicht steht, aber von Rezensentenseite doch die Forderung nach „Mehr Mut!“ auslösen. Gute Ausführung, aber eben auch nicht zwingend mehr.

6/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Mittwoch, 11. November 2020

Reptile Youth - Speeddance [HFN Music 013]

Wenn eine Band ohne eine einzige Veröffentlichung im Gepäck Europa und Asien betourt, Clubs in chaotisch-energiegeladene Moshpits verwandelt und dabei Fans einsammelt wie ein für den Winterschlaf hamsterndes Eichhörnchen gibt es im Regelfall nur zwei konträre Erklärungen – total überbewerteter Hype oder aber echtes Potential. Im Falle der Reptile Youth trifft glücklicherweise letzteres zu und deshalb ist „Speeddance“ mit seiner Fuck-Noise-Disco-Attitude, dreckig-verschwitztem Basslauf und den „wir können gar nicht anders als mitbrüllen“ Vocals der heisseste Anwärter für die IndieElectroGrunge-Hymne des kommenden Sommers, wenn nicht des ganzen noch recht jungen Jahres. Von IndieKid bis zum RavePunk kann sich jeder auf „Speeddance“ einigen, ohne dass die verrückt gewordenen Dänen auch nur den Hauch eines Kompromisses eingehen müssen. Stattdessen wird mit dicken Eiern und grossem Selbstbewusstsein auf der B-Seite der 7“ noch eine Coverversion von Deathcrush nachgeliefert, die sich zwischen Homerecording-Ästhetik, Genialen Dilletanten, einer aus dem Ruder gelaufenen Faust-Session, eimerweise Noise und Oval’schem CD-Skippen bewegt. Die spinnen doch alle.


10/10 Points

Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012

Sonntag, 1. November 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Weihnachten. Während der Normalbürger sich zwischen Konsumrausch und Strassenkrieg zum Jahresende den kleinen und grossen Dramen im Kreise der Familie und / oder der Lieben widmet und der halbwegs musikinteressierte Mensch sich wieder – und zu Recht – über die Ergebnisse ungezählter Jahrespolls echauffiert, nutzt der Schreiber dieser Zeilen die angeblich besinnliche Zeit, um noch einmal ein paar zu Unrecht unterbewertete oder einfach übersehene Scheiben des letzten Jahres Revue passieren zu lassen. Es folgt: kein Jahresrückblick.

Beginnen wir mit der schon im Juli auf dem inselbritischen Label Peng Sound erschienenen „Gorgon Sound E.P.“ des gleichnamigen Projektes, die dank kompliziert verschachtelter Importumwege über Frankreich erst jüngst den Weg in hiesige Plattenläden fand. In schwerem Karton-Gatefoldcover auf 180 Gramm-Vinyl bedient diese E.P. die Freunde des haptischen Musikerlebnisses schon im Vorfeld des ersten Tons und entpuppt sich mit ihren vier Tracks als wahres Brett in Sachen klassischer Dub / DubHouse-Kultur. Mächtige, raumgreifende Analogbässe bilden das Gerüst für fordernde 4/4 Beats sowie Dub-typische Offbeat-Chords und Rimshots, zu denen auf zwei Tunes Junior Dread und Guy Calhoun verhallende Vocals beisteuern. Ansonsten regiert die Tiefe des Hallraums über die Reduktion auf absolut essentielle Elemente und genau darin besteht die grosse Kunst der originären Dubkultur, was diese 2x12“ zur absolut unausweichlichen Anschaffung macht.

Weiter geht es mit „Y“, dem zweiten und wieder in kompletter Eigenregie veröffentlichten Doppelalbum des deutschen Duos [aniYo kore], welches auch mit seinem neuen Werk der Errettung und Wiederbelebung des vocallastigen TripHop / Downtempo-Genres einen weiteren, riesigen Schritt näher kommt. Musikalisch der dunklen, gern auch am Schmerz des Lebens tief leidenden Moll-Tonlage auf skelettiertem Beatgerüst zugetan, öffnet sich das Soundspektrum der Band auf diesem Album weg vom Illbient-Ansatz hin zum, teils intim folkigen, Gitarren- und Basseinsatz und inkludiert partiell sogar Raps, ohne sich jedoch weit vom bekannten Grundton des charakteristischen [aniYo kore]-Sound zu entfernen. Nicht ausschliesslich, aber auch, empfohlen für Freunde von Portishead, Nicolette & Co. und in einer Auflage von 300 Exemplaren nur direkt über die Band zu beziehen.

Doch auch in puncto Wiederveröffentlichungen und Neuauflagen hielt das vergangene Jahr mehr qualitativ hochwertige Tonträger bereit als schriftlich in der ihnen gebührenden Länge diskutiert werden konnten. Beispielhaft für diesen durchaus begrüssenswerten Trend sei an dieser Stelle das via Mute / The Grey Area im November wieder zugänglich gemachte Cabaret Voltaire-Album „Micro-Phonies“ genannt, welches – noch einmal neu gemastert – nicht nur die nach wie vor zwingende Aktualität der bereits in 1984 veröffentlichten LP auf der Schnittstelle zwischen PostPunk-Elementen, Industrial-Resten, NuBeat und modernem Electro / ProtoTechno noch einmal neu vor die Augen einer damals noch ungeborenen Generation führt, sondern auch aus dem Fokus geratene Underground-Hits wie „Digital Rasta“, „Blue Heat“, „Spies In The Wires“ und das zu jener Zeit sogar gechartete „Sensoria“ hoffentlich wieder zurück auf die Tanzflächen der Welt bringt. Must have, weil geschichtsträchtig.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 02/2014

Freitag, 23. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Struktur. Denn gerade diese ist, wie die jüngsten Erfahrungen mit dem „Ich wäre gern Orkan geworden“-Wintersturm Xaver zeigen, in heutigen Gesellschaften auch immer höchst anfällig für irrationale Störungen – besonders für haus-, mensch- und mediengemachte. Früher war weniger Panik und in diesem wohlmeinenden Sinne dürfen alle musikalischen Strukturtraditionalisten bis zum letzten Teil dieser Kolumne getrost auf Durchzug schalten.

Den Anfang machen die drei Experimentalmusiker C. Spencer Yeh, Okkyung Lee und Lasse Marhaug mit „Wake Up Awesome“ auf dem in Brooklyn, New York beheimateten Label Software Recording Co. und liefern mit diesem Album ein 40-minütiges Manifest in Sachen Industrial Noize meets FreeJazz. Mäandernd zwischen tatsächlicher Echtzeitimprovisation und nachbearbeiteteten Studioaufnahmen erinnert „Wake Up Awesome“ in kurzen Phasen an die verglitchten Variationen der legendären „Ekkehard Ehlers plays Albert Ayler“-LP auf Staubgold, häufig an hochdigitalen Lärm und hat in ruhigeren Passagen wie „Mission: Nothing“ sogar rudimentär ambiente Züge, die natürlich umgehend durch allerhand mahlende Distortion und lavaartig gewitternde White Noise-Ausbrüche ad absurdum geführt werden. Heftiger Stoff für klirrend kalte Winternächte.

Gesitteter, wenn auch nicht weniger fern der Traditionsstrukur geht es auf den beiden aktuellen 3“ CD-Veröffentlichungen des Electroton-Labels zu. Beide auf jeweils 100 Stück limitiert, serviert Marek Slipek a.k.a. Cernlab mit seinem Viertracker „Atomherz“ als Katalognummer 014 des Labels hochgradig digitalisierten ElectroPhonk mit klar definierten Spielereien im Stereofeld, die auch fortgeschrittene Dancefloorcrowds dank ihrer sci-fi'esquen Bedrohlichkeit und zuweilen schizophren wirkender Klänge in den wohlverdienten Wahnsinn zu treiben verstehen, während ujif_notfound mit „Aneuch“ in drei Versionen dem zu Unrecht aus dem musikalischen Fokus dieser Zeit gerückten Clicks'n'Cuts-Genre zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. Dabei fusioniert er in Perfektion die präzisen Kleinstgeräusche digitaler Kommunikation und klickernder Festplatten mit fliessend weichem Ambient, der in dieser ausgereiften Form leider viel zu selten den Weg auf physische Tonträger findet – erst echt nicht auf so ansprechend minimalistisch geboxte, wie sie bei Electroton zum ästhetischen Standard gehören.

Nach diesem kurzen Ausflug ins Land der musikalischen Experimente und der aktuellen CD-Veröffentlichungen auf diesem Gebiet, geht es mit dem Re-Release des Monats nicht nur zurück zum schwarzen Vinylgold sondern auch ins Ethiopien der 1970er-Jahre, in dem Alemayehu Eshete sich als eine der grossen Stimmen einer blühenden Jazz, Funk und Soul-Szene hervortat. Schon in 2007 versammelte das Label L'Arome Productions zehn seiner in Zusammenarbeit mit Girma Beyene oder Lemma Demmissew enstandenen Songs unter dem Titel „Ethiopian Urban Modern Music Vol.2“ im Rahmen der „Ethiopiques“-Serie, die nun dankenswerterweise wieder auf Vinyl erhältlich ist und nicht nur exzessiven Cratediggern und Samplefreaks einen faszinierenden Einblick in die Musik eines lebendigen Nordafrika jener Jahre ermöglicht. Uneingeschränkt empfohlen für einen Ausflug in Gefilde weit jenseits der rein elektronischen Musik, die unsereins nahezu täglich umgibt.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 01/2014

Sonntag, 11. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Winterwahn. Auch wenn die dunkle Jahreszeit absehbar nachhaltige Veränderungen mit sich bringt, glänzt das letzte frühlingshafte Aufbäumen des Jahres zum Entstehungszeitpunkt dieser Zeilen noch einmal durch einen abwechslungsreichen Strauß bunter Vinylblumen, die es mit dieser Kolumne näher zu bestimmen gilt.

Angefangen mit dem italienischen Duo Gianclaudio Hashem Moniri & Giuseppe Carlini a.k.a. Plaster, das sich mit der Originalversion ihres Tracks „Circular Mechanism“ auf dem schwedischen Label SonouS dem Thema Ambient von seiner deepen, verdubbt elektronischen Seite her nähert und einen wahren Trip zwischen Deadbeat'scher Unterkühlung und der trippig hypnotischen Wirkung zu Unrecht unterschätzter Klassiker aus der Feder von Nommo Ogo oder Carlito Verde abliefert. Auf der Flipside findet sich ein Remix von Substance, der sich voll und ganz dem maximalstverzögerten SciFi-Dub widmet und sich dank seines schleppenden Ungrooves auch im Illbient-Kontext als wirksamer Lieferant innerer Unruhe und psychischer Unrast anbietet.

Das Gegenteil dieser Unrast findet sich mit Race To Space's „Baikal“ auf der dritten Vinylausgabe des russischen Imprints Ketama Records. Zwar findet sich auch hier ein Hang zur ambientösen Trippigkeit, diese jedoch fusioniert mit lieblichem Frauengesang und einem Downbeat (Not Downbeat)-Gefühl zu einer durchaus hörangenehmen Angelegenheit, die veredelt durch Remixer wie Benji Vaughan, Tripswitch und Electrosoul System nie die musikalische Komfortzone verlässt, selbst wenn es - wie im letztgenannten Remixfall – auch um Dancefloor-affine Beats mit abstrahierte NuSkoolBreaks-Ausrichtung geht. Sehr schön.

Ebenfalls schön und auf sehr erstaunliche Weise trotz ca. 50%iger Überschneidung zum Originalwerk wesentlich tiefgehender und kohärenter präsentiert sich die jüngst in limitierter Version auf schneeweissem Vinyl erschienene Instrumentalversion des zu Recht hoch gelobten „Lost“-Albums aus der Feder des dänischen Produzenten Anders Trentemøller, das in dieser Form noch eine weitere. neue Perspektive auf seine musikalischen Fähigkeiten eröffnet. Ein perfekter Soundtrack für geisterhaft vernebelte Frühwintertage.

Ebenfalls in coloriertem Vinyl gepresst ist die Laufnummer 022 des inselbritischen Drum'n'Bass-Labels Sinuous Records, das mit dieser die beiden Tracks „Excavator“ und „Complexity“ aus dem Studio des Produzenten Minor Rain direkt auf die Tanzflächen katapultiert. Extrem aufgeräumtes Sounddesign trifft im erstgenannten Tune auf messerscharfe Beats im Sinne des „long black tunnel“ der Endneunziger Virus-Schule, die ihre Faszination nicht nur aus der absolut technischen Versiertheit der Produktion, sondern auch aus ihren unterkühlten, sci-fi-verliebten und komplex verstolperten Percussion-Motiven schöpft, die sich mit tödlicher Präzision um die Hauptelemente Bassdrum und Snare winden. Auf der Flipside übernimmt dem Namen entsprechend eben genau jene Komplexität in Form minimalistischer, sich nahezu ineinander verschlingenden Beats die tragende Rolle und überführt das Erbe früher Photek-, Hidden Agenda- und Source Direct-Produktionen in minimalistischer Form in die Jetztzeit. Call it Complex Jungle?


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 12/2013

Donnerstag, 1. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…Monochromatismus. Wer den Verfasser dieser Kolumne kennt, wird ihn aufgrund seiner selten gebrochenen Vorliebe für vorwiegend schwarze bis maximal dunkelgraue Kleidung umgehend Lügen strafen. Doch weil dieser Tage ein Herbst Einzug hält in die Strassen dieses Landes und den Blätterwald der Alleen in ein Potpourri der Farben verwandelt geht es auch in dieser Kolumne zumindest stilistisch ein wenig bunter zu.

Angefangen mit der jüngst auf Poker Flat Recordings erschienenen „Lectures E.P.“ des jungen Niederländers Wouter De Moor, dem es nicht nur gelingt das erste Interview-Acapella überhaupt auf einer 12“ des Labels unterzubringen, sondern der auch die Worte des interviewten Theo Parrish in nahezu perfekter Wildpitch-Emulation im titelgebenden Track umsetzt. Geremixt wird dieser auf der Flipside von Kirk Degiorgio während Wouter De Moor auf A2 mit seinem ebenfalls grossartigen Oldskool-Cut „8 Voices“ noch einmal ein fettes Original mit rohen Claps und scharfen Hi-Hats nachlegt. So geht House.

Komplett gitarrenlastig geht es weiter mit der achten Veröffentlichung der Major Label-Schwester SuperKamiokandeDetektor, auf der mit „Jetzt Ist Es Kaputt“ eine überaus bezaubernde EP der Formation Goldner Anker erscheint. Wie gewohnt verortet zwischen unpoppigem Melodiengebrauch, rauher IndiePunk-Credibility und fragil rauchiger Frauenstimme liefern Goldner Anker hier drei kleine, aber feine Hits im Original – allen voran das antikonsumistische „Ticket“ - und lassen darüber hinaus den auf ihrem 2012 Debutalbum erschienen Song „Only You“ von Jkube durch den PostJungle vs. Dubstep-affinen Remixwolf drehen ohne das dabei das Original der vollkommenen Fragmentierung anheimfällt. Mission erfüllt.

Anderweitig organisch präsentiert sich die vierköpfige Dark resp. Future Jazz-Formation Falling, die mit dem aufwendig gestalteten „Original Motion Picture Soundtrack“ dieser Tage ihr auf 100 Exemplare limitiertes Debutalbum auf dem in Mettmann beheimateten Label Shhhh Records vorlegt. Im weitesten Sinne verortet zwischen Bugge Wesseltoft's New Conceptions Of Jazz-Ästhetik und den Future Jazz-Variationen des klassischen, ehemals in Wien beheimateten Showroom Recordings-Projektes emulieren Turgut Kocer, Helge Neuhaus, Gabriel Masterson und Frederik Groborsch hier einen waschechten Improv-Ansatz, ohne sich je zusammen in dieser Konstellation an einem realen Ort befunden zu haben. Die Welt des schnellen Datenverkehrs macht es möglich und schenkt uns mit „Original Motion Picture Soundtrack“ einen entschleunigten Score für vernebelte Herbstabende mit ernsthaften Drinks. Im Falle des Verfasser dürfte die Wahl des letztgenannten hier zweifelsohne auf einen Maple Old Fashioned fallen.

Zurück auf dem Dancefloor befinden wir uns final mit der „Guy Martin EP“ des Max.Ernst-Gründers und Studio-Veteranen Thomas Brinkmann a.k.a. Brinkmann in allerbester Gesellschaft. Verortet zwischen tiefenhypnotischem ClubTechno mit spannungsgeladener Crimescene-Atmosphäre und jazzigen Ambitionen, Metal'esquen Schrammelbässen auf Viererfußbasis und an FutureJazz orientierten Downtempo-Exkursionen liefert das Third Ear-Label mit dieser 12“ nicht nur drei qualitativ hochwertige Tracks sondern denkt mit dieser Zusammenstellung auch über gewohnte Genre- und Schubladengrenzen hinaus und macht damit deutlich, daß es letztendlich doch nur um eines geht: die Musik.


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 11/2013