Sonntag, 11. Oktober 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

...Winterwahn. Auch wenn die dunkle Jahreszeit absehbar nachhaltige Veränderungen mit sich bringt, glänzt das letzte frühlingshafte Aufbäumen des Jahres zum Entstehungszeitpunkt dieser Zeilen noch einmal durch einen abwechslungsreichen Strauß bunter Vinylblumen, die es mit dieser Kolumne näher zu bestimmen gilt.

Angefangen mit dem italienischen Duo Gianclaudio Hashem Moniri & Giuseppe Carlini a.k.a. Plaster, das sich mit der Originalversion ihres Tracks „Circular Mechanism“ auf dem schwedischen Label SonouS dem Thema Ambient von seiner deepen, verdubbt elektronischen Seite her nähert und einen wahren Trip zwischen Deadbeat'scher Unterkühlung und der trippig hypnotischen Wirkung zu Unrecht unterschätzter Klassiker aus der Feder von Nommo Ogo oder Carlito Verde abliefert. Auf der Flipside findet sich ein Remix von Substance, der sich voll und ganz dem maximalstverzögerten SciFi-Dub widmet und sich dank seines schleppenden Ungrooves auch im Illbient-Kontext als wirksamer Lieferant innerer Unruhe und psychischer Unrast anbietet.

Das Gegenteil dieser Unrast findet sich mit Race To Space's „Baikal“ auf der dritten Vinylausgabe des russischen Imprints Ketama Records. Zwar findet sich auch hier ein Hang zur ambientösen Trippigkeit, diese jedoch fusioniert mit lieblichem Frauengesang und einem Downbeat (Not Downbeat)-Gefühl zu einer durchaus hörangenehmen Angelegenheit, die veredelt durch Remixer wie Benji Vaughan, Tripswitch und Electrosoul System nie die musikalische Komfortzone verlässt, selbst wenn es - wie im letztgenannten Remixfall – auch um Dancefloor-affine Beats mit abstrahierte NuSkoolBreaks-Ausrichtung geht. Sehr schön.

Ebenfalls schön und auf sehr erstaunliche Weise trotz ca. 50%iger Überschneidung zum Originalwerk wesentlich tiefgehender und kohärenter präsentiert sich die jüngst in limitierter Version auf schneeweissem Vinyl erschienene Instrumentalversion des zu Recht hoch gelobten „Lost“-Albums aus der Feder des dänischen Produzenten Anders Trentemøller, das in dieser Form noch eine weitere. neue Perspektive auf seine musikalischen Fähigkeiten eröffnet. Ein perfekter Soundtrack für geisterhaft vernebelte Frühwintertage.

Ebenfalls in coloriertem Vinyl gepresst ist die Laufnummer 022 des inselbritischen Drum'n'Bass-Labels Sinuous Records, das mit dieser die beiden Tracks „Excavator“ und „Complexity“ aus dem Studio des Produzenten Minor Rain direkt auf die Tanzflächen katapultiert. Extrem aufgeräumtes Sounddesign trifft im erstgenannten Tune auf messerscharfe Beats im Sinne des „long black tunnel“ der Endneunziger Virus-Schule, die ihre Faszination nicht nur aus der absolut technischen Versiertheit der Produktion, sondern auch aus ihren unterkühlten, sci-fi-verliebten und komplex verstolperten Percussion-Motiven schöpft, die sich mit tödlicher Präzision um die Hauptelemente Bassdrum und Snare winden. Auf der Flipside übernimmt dem Namen entsprechend eben genau jene Komplexität in Form minimalistischer, sich nahezu ineinander verschlingenden Beats die tragende Rolle und überführt das Erbe früher Photek-, Hidden Agenda- und Source Direct-Produktionen in minimalistischer Form in die Jetztzeit. Call it Complex Jungle?


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 12/2013

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