Donnerstag, 19. März 2020

THERE’s MORE TO LIFE THAN...

...künstliche Verknappung. So dachte sich zumindest das Management des Trance-Labels Tetsuo und veröffentlichte dieser Tage mit „World Class Trance“ und „Addicted To Trance“ auf digitalem Wege in vierzehntägigem Abstand gleich zwei Compilations mit jeweils 30 Tracks. Der Haken? Nicht nur laut Waschzettel stimmen die Tracklists zu mehr als 50% überein und übertreffen damit sogar die geschickte Mehrfachverwertungsstrategie früherer Good Looking-/Looking Good-Sampler um ein Vielfaches. File under: schlechter Marketingmove, denn diese Art der Geldschneiderei dürfte selbst dem eingefleischtesten Addict zu viel des Guten sein. Mit mehr Understatement geht da das in Mettmann – nicht: Miami, auch wenn das Label es auf seiner Website so behauptet – beheimatete Label Shhhh Records zu Werke, presst Auflagen um die 200 Stück und vertreibt diese vorwiegend über die eigene Website und über einen einzigen Plattenladen in Deutschland, für den es zuweilen sogar noch vor dem offiziellen VÖ-Datum 10er Editionen mit handgefertigtem Artwork gibt. Katalognummer 005 erscheint im März – „Sommernachtsträume“ von Sascha Müller, der hier ketaminschwangeren Zigeunertechno und verträumten Electro im eigentlichen Sinne zusammenbringt. Auf schneeweissem Vinyl! Und überhaupt Sascha Müller: der Mann hat einen unglaublichem Output auf seinen digitalen Labels und gehört doch zu den most underrated Producern der Republik, was vielleicht auch an seiner Vorliebe für Hyperlimitierung und krude physische Formate liegen mag. Relativ aktuell sind noch sein auf 15 (!!!) Kopien limitiertes Split-C60-Tape mit eVADE mit dem Titel „Recycled Tapes Volume 1“ und die auf 20 Stück limitierte 8“-Lathe-Cut-Single „Pounder“ im rezyklierten, gestencilten Volksmusikcover. Natürlich prall gefüllt mit astrein produzierter elektronischer Tanzmusik, die eigentlich für ein grösseres Publikum gedacht sein sollte. Ausserdem heiss und limitiert – Ostgut Ton 050. 500 7“ Singles gibt es davon und Popeye, äh, Rummelsnuff macht den EBM-Tanz unter dem Motto „Ich der Jäger, du der Bär“ während die von Steffi’s „Sadness“ inspirierten Shambhu And The Love Hearts alles zwischen Shoegazer, Indie-Kid und Johnny Cash-Fan zum Träumen bringen. Ebenfalls Band und sehr zu beachten sind die von Trentemøller produzierten Darkness Falls mit ihrer neuen Single „Timeline“ auf HFN Music, vor allem der kongeniale Com Truise Remix erschliesst den Kopenhagener Mädels trotz Vocaleinsatz sicherlich noch einmal eine neue Fangemeinde. Ähnliches gilt übrigens auch für das Hamburger Electro-/RavePunk-Label Audiolith, das – während das kommende Frittenbude-Album schon seine Schatten vorauswirft und für ausverkaufte Konzerte mit Zusatzterminen in Hamburg, München und sonstwo sorgt – vorher noch schnell mit Veröffentlichungen von Johnny Mauser und Brazed in artfremden Gefilden wie DeutschHipHop und Stadium Drum’n’Bass wildert. Diversifizierung über alles, oder wie ist der Plan jetzt?


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 03/2012

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