Freitag, 11. September 2020

THERE'S MORE TO LIFE THAN...

…der Trend zum Digitalen. Denn auch wenn Spotify und sogar Youtube mittlerweile nicht nur auf Konsumentenseite immer mehr als ernstzunehmende Quelle für den täglichen Musikkonsum gelten und selbst Bruchteile von Minimalsthartgeldbeträgen labelseitig als mögliche Einnahme verbucht werden, kann auch das hochaufgelösteste .mp3-, .wav-, .ogg, .flac oder .whatever-File bestimmte Effekte der analogen Welt nicht ersetzen. Zum Glück.

So lässt sich beispielweise weder das der neuesten Veröffentlichung des österreichischen Labels Hirntrust Grind Media beiliegende (und natürlich ans Cover angelehnte) Aufnäh-Patch noch der ebenfalls in der Hülle befindliche ArtCard-Druck in seiner Stofflichkeit digitaliseren und auch die gefühlte Underground-Zuordnung einer pechschwarz belabelten 7“ mit grossem Innenloch ist nicht in Datenraten zu messen. Musikalisch liefern die Protagonisten dieser Splitsingle natürlich dem Label gerecht werdende Kaputtheit der allerersten Kategorie – Kenny Sanderson a.k.a. Facial Mess erforscht mit „No Intrinsic Value“ fies industriell verzerrte Varianten von mutiertem Grindstep während J. Randall als Sealteam 666 ein wahres Feuerwerk aus Noize, verzerrten Gitarren und flaksalvengleichen Breakcore- / Rhythm Industrial-Strukturen auf den freudig lächelnden Rezensenten abschiesst. Für mehr sonische Gewalt im Club!

Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Erlebnis vorwiegend analoger Freude ohne Vorwarnung stellte das Eintreffen des mysteriösen Tape-Triplets „Virgin“ / „Seams / „Dierows“ aus der vermutlichen Feder von Christine Nogociella dar. Versehen mit einer Warnung des „Department Of Defense / Defense Investigative Service“ und ohne Absender- oder Labelangabe wird hier über gefühlte drei Stunden hinweg mit langsam flutenden Ambient-/Drone-Exkursionen, vermutlich illegal abgehörtem Radioverkehr und befremdlich weltraumkalten Klangpassagen die Zeitmatrix völlig ausser Kraft gesetzt und der geneigte Konsument schon nach wenigen Augenblicken in eine dunkle, vollkommen fremdartige Welt versetzt, in der sich Melancholie, Trauer und das Gefühl totaler Einsamkeit Auge in Auge gegenüberstehen. Verbreitete mensch diese Tapes als Dauerschleife über die grossen Radiokanäle dieses Planeten, wäre die Welt vermutlich binnen Tagen in Chaos, Lähmung und Vernichtung a la „Krieg Der Welten“ gestürzt.

Ebenfalls vollanalog und auf nur 50 handnummerierte Exemplare limitiert ist eine – und seit langen Jahren die erste – frisch erschienene 12“ auf dem längst verloren geglaubten Kultlabel XXC3, das mit dem „Telepathic Bubblevinyl Vol. 1“ seine mehr als berechtigte Auferstehung feiert. Vier Tracks aus dem Umfeld des von Dr. Walker begründeten Liquid Sky Berlin zwischen sexy Groove und einer der unmittelbaren Herkunft geschuldeten Deepness, die sich über die Laufzeit der Einzeltracks in einen hypnotisch-verspulten Trip verwandelt. Gerüchten zu Folge ist auch Dr. Walker selbst mit einem Track vertreten, während die anderen Produzenten dank vollkommener Informationsarmut dieser EP im verschwommenen Dunkel verborgen bleiben – ebenso wie die Bezugskanäle, denn der Zugang zum Besitz der „Telepathic Bubblevinyl Vol.1“ wird nur dem gewährt, der sich noch altgedienter Wege und Strukturen zu bedienen weiss. Im stationären Tonträgerhandel ist dieser Tonträger ebenso wenig erhältlich wie bei den üblichen Verdächtigen des Internet. Wer suchet, der findet und analog ist besser.

Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 09/2013

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