Donnerstag, 9. April 2020

THERE’s MORE TO LIFE THAN...

...bass. Diese Aussage schimmerte blitzte kürzlich in einem Interview auf, welches der hochgeschätzte Rhythmus- und Klangforscher Bernd Friedmann in einem ebenfalls der elektronischen Musik verschriebenen Magazin gab. Eine Aussage, die per se natürlich für seine eigenen, oft von aussereuropäischen Musiken beeinflussten Soundreisen durchaus Gültigkeit hat, ganz bestimmt aber nicht für inselbritisch geprägte Clubmusik, um die es in diesem Monat in dieser Kolumne vorwiegend gehen soll.

Allen voran schreitet hier in der letzten Zeit vor allem Paul „Seiji“ Dolby, der den älteren Breakbeat-Adepten unter uns noch mit seinen Releases auf Labels wie Reinforced, 2000 Black oder Bitasweet in süsser Erinnerung ist, in den letzten Monaten mit insgesamt drei hochklassigen 12“es auf seinem eigenen Impringt SEIJI in Erscheinung trat und ausserdem einen Remix zu Joe Goddard's „Gabriel“ auf dem Hot Chip-Label Greco-Roman beisteuerte, wie gewohnt zwischen Future Garage, UK Funky und SpeedGarage balancierend. Ebenfalls mit einem synkopisch-swingenden Future Garage Remix für Joe Goddard am Start: Ossie, dessen Bearbeitung eigentlich zu Unrecht auf dem undankbaren B2-Platz der Vinylmaxi gelandet ist. Mehr Swing kommt dieser Tage auch von Till Von Sein, der mit seinem „4,5 Minutes In Essex 1992 Jam“ für Kasper Björke's „Lose Yourself To Jenny“ die Breakbeat-Raver ins HFN Music Boot holt, und von Mike Delinquent Project, der mit einem Remix von Yasmins „Finish Line“ nicht nur die Sonne rein-, sondern vor allem dem klassischen 2Step-/UK Garage-Sound wieder rauslässt. Letztere erschienen via Ministry Of Sound und sehr schön.

Das Melancholie und Bass gut zusammengeht beweist SBTRKT mit einem Whitelabel und der Matrizennummer YT075 ohne weitere Infos, auch hier ist SpeedGarage das Stichwort, während auf Cluekids hauseigenem Label Bullfrog Beats mit der Katalognummer 006 die Hypnosewirkung von dunkel-dräuendem Halftime Dubstep („Swampman“) und das Hochenergiepotential von klassischem Oldskool Jungle („Ninety Three“) ausgelotet werden. Gerade für letzteres gibt’s mindestens mehr als einen Bonuspunkt. R-E-W-I-N-D !!!

Zu guter Letzt entwickelt sich das Eintreffen hochlimitierter Sascha Müller-Veröffentlichungen kurz nach Abgabeschluss mittlerweile zum Running Gag und so erreichte mich wieder verspätet die zweite Ausgabe der „Recycled Tapes“-Serie. C90-Cassette, limitiert auf 15 Stück weltweit und diesmal im Split mit Pasquale Maassen auf der Suche nach dem Spirit der französischen DarkJungle-Szene der Endneunziger. Inhalt: insgesamt 16 Tracks roher, ungeschliffener Drum’n’Bass, DarkJungle und experimenteller Breakbeat fernab der hochzüchteten UK-Klangästhetik, Sammlerstück. Ausserdem neu, krank und limitiert aus der Müller’schen Soundschmiede: „Shit Music“ - eine CDr-Orgie in experimentellem Noize ganz im Sinne früher V/Vm-Veröffentlichungen mit einer Auflage von 20 Exemplaren und präsentiert in für nicht ganz hartgesottene Gemüter schwer verdaulichem Artwork, auch wenn es sich um Erdnussbutter und nicht das namentlich nahe liegende Enddarmprodukt handelt. Ist das jetzt Industrial oder Punk... rein von der Attitude her?


Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 05/2012

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