Sven Schienhammer a.k.a Quantec,
Liebhabern in Sachen DubTechno und artverwandten Spielarten
elektronischer Musik unter diesem Pseudonym schon lang kein
Unbekannter mehr, nun also in 2012 mit einem neuen Album auf Elux und
es ist fast nicht zu glauben, dass sein letzes Werk in diesem Format
schon wieder drei Jahre zurückliegen soll; zu präsent klingen die
letzten Werke noch in den Ohren des Rezensenten nach – mit
positivem Grundtenor. An diesem ändert sich auch nach dem Genuss der
„1000 Vacuum Tubes“ nichts, denn auch hier liefert Schienhammer
wieder elf DubTechno-Variationen in gewohnt hoher Qualität. Bis auf
das gebrochene „Ayahuasca“ weitgehend auf der Basis mal mehr, mal
weniger treibender 4-2-The-Floor-Konstrukte aufgebaut, geht es auf
diesem viel und immer wieder gern beackerten Gebiet natürlich seit
Jahren nur noch um leicht veränderte Nuancen und die Perfektion der
technischen Ausführung, aber genau diese minimalen Pointierungen
schüttelt Quantec derart leicht und unbeschwert aus dem Handgelenk,
dass es immer wieder eine Freude ist, ihm dabei über einen längeren
Zeitraum zuzuhören. Gern auch mit der Hand am Repeat-Knopf, denn das
hier ist DubTechno in zeitloser Reinkultur.
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
Sonntag, 7. März 2021
Sonntag, 28. Februar 2021
Kristian Heikkila - Kombinations [EPM]
Techno. Album. Digitalformat.
Schwierige Kombination, da viele Künstler dieser Tage immer wieder
beklagen, dass die Digitalisierung des Musikkonsums das Albumformat
aufgrund der Fokussierung auf einzelne Tracks als konzeptionell
redundant und altbacken erscheinen lässt. Dieser Aussage ist der
Wahrheitsgehalt wohl nicht abzusprechen und trotzdem lässt sich der
Schwede Kristian Heikkila, zu 50% Teil des auch auf AFU Lab
veröffentlichenden Duos Kristian & Christian, mit seinem
Debutalbum auf dieses Experiment ein, liefert dabei grundsoliden
Techno / TechHouse der treibenden Sorte, bezieht sich auf Deepness
und Minimalismus ohne diesen allzu offensichtlich zum Konzept zu
erheben, verzichtet auf überflüssige Staffage und gibt den
Verfechtern der sogenannten New Wave Of Techno insgesamt 12 Tracks
für die späte Primetime an die Hand, die im richtigen Moment
eingesetzt wohl mehr als nur ein paar Ärsche auf dem Tanzflur
bewegen. Vinyl bitte nachschieben. Oder zumindest eine Auskopplung
mit dem Track „Kult“, der wohl das grösste 12“-Potential des
Albums hat.
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
Sonntag, 21. Februar 2021
Opus Leopard - Walküre [Up To The Sky]
Durchgefallen. Unabhängig davon ob das
jetzt Konzeptkunst, Novelty oder im allerschlimmsten Fall sogar Ernst
gemeint ist, denn das Sprechsingen von Schickeriatexten mit Wiener
Schmäh überlassen wir dann doch lieber dem längst verstorbenen
Original. Schlechte Falco-Kopien braucht die Welt nicht im Ansatz und
Zeilen wie „Du hast zwar schöne Schuhe, doch ein Herz das hast Du
keins.“ auch nicht. Gäbe es hier Negativpunkte wäre das
mindestens eine -8 auf der nach unten offenen Facepalm-Skala. Voll
verdiente
0/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
0/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
Samstag, 13. Februar 2021
Marie Madeleine - Ural Baikal Amour [Ekleroshock 038]
Coverartwork: Junge Frau mit
abgeschnittenem Gesicht auf einem Bootssteg, bekleidet nur mit
weissem, fast durchsichtigen Spitzenbody. URL der Band endet mit .xxx
. Ein Schelm, wer da nicht Lunte riecht und tatsächlich deutet sogar
der Waschzettel eine erotische Reise in der Transsibirischen
Eisenbahn als Thema an. Und ein gewisser Sex-Drive ist Marie Madeleine
mit ihrem hormonell aufgeheizten ElectroClash- / Wave-Crossover
tatsächlich nicht abzusprechen, der auch im Goth- und Indie-Kontext
durchaus Freunde finden dürfte. Auf der Remix-Seite machen die The
Rapture-Buddies Populette und Rubinskee die Dinge unter sich aus
während Les Petits Freres De l’Ocean Indien - bitte französische
Tüddelchen an der richtigen Stelle einsetzen, danke – den Song
„Winter Skies“ gleich komplett neu einspielen, dabei auf fragile
female Vocals und ein ebenso zerbrechliches Skelett aus analogen
Synthesizern und leicht electroiden Beats setzen, die dem Song ein
komplett neues Gesicht verpassen. Kann mensch so machen.
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
Sonntag, 7. Februar 2021
Elef - Nuff Said [Carry On 004]
Auch wenn sich die Frage stellt, warum
ein Label Promo-CDs in diesen Tagen mit .wav- anstatt mit .aiff
–files verschickt, liefert Elef hier streng genommen solide
House-Kost für die kleinen intimen Clubs dieser Welt ohne in diesen
grosse Aufregung zu verbreiten. „Black Hole“ im Original ist
weichgezeichnet für die ganz frühen Morgenstunden, auch wenn die
gedoppelte Clap tendenziell ein wenig nervt. Dafür liefert Gerd im
Remix dann ein sexy forderndes Brett mit Chicago-Bezug und zitiert in
der Machart die Klassiker des Genres, speziell die der späten 80er
Jahre, während der Titeltrack ebenfalls housey und durch den ganz
speziellen Nebelfilter daherkommt, der Elef-Produktionen dieser Tage
ausmacht. Ausserdem als Remixer dabei: die britischen Zoo Look,
ebenfalls leicht vernebelt und mit einer Prise Chicago in ihrem
DeepHouse-Ansatz. Gute
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
Sonntag, 31. Januar 2021
Various Artists - Muchas FATcias Part 1 & 2 [Freude Am Tanzen]
Mit vollem Elan startet die Freude Am
Tanzen-Posse in den Sommer und schickt ihre zweiteilige „Muchas
FATcias“-Serie in das Rennen um die beste Bikinifigur. Mitmodeln
dürfen unter anderem das Krause Duo, Juno 6, Douglas Creed und
Feindrehstar und beackern ein musikalisches Feld zwischen stoischem
MinimalTechno im ursprünglich kölschen Wortsinn, croonendem
Piano-Zeitlupen-Downbeat mit fast schon übertriebener Sleazyness
und vertripptem Jazzfaktor, der auch der legendären „Showroom
Recordings Series“ auf Cheap gut zu Gesicht gestanden hätte,
liefern aber auch dezent, unaufgeregt pumpenden House, einen
überraschenden Ausflug der Monkey Maffia in Richtung UK Funky und
den ein oder anderen Filler auf zugegeben hohem Niveau. Nicht
zwingend essentiell, aber doch eine gute Ergänzung fürs heimische
Plattenregal.
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 07/2012
Sonntag, 24. Januar 2021
Blacks On Blondes - How To Escape From A New Age World [Rotraum Music]
Soso, Blacks On Blondes. Was im ersten
Moment nach einem nicht sonderlich kreativen Pornofilmtitel klingt
entpuppt sich beim zweiten Hinsehen als das Pseudonym eines Herrn
namens Yannick De Ka Moulage, der hier ein durchaus solides aber
leider auch langweiliges 124BPM Housealbum vorlegt. Durchlaufend wie
ein DJ-Mix präsentiert hört mensch den sechzehn Tracks ihre
Entstehung in einem ibizenkischen Studio durchaus an, stellt aber
ebenso schnell fest, dass diese – wie tausende andere Tunes auch –
eben auf genau diesen balearischen Markt zugeschnitten sind und als
quasi austauschbare Massenware ausserhalb von Beachclubs und
Terrassenparties sehr schnell ihre Berechtigung verlieren, weil das
so in der Form nach der 100sten Ibiza-Compilation eigentlich schon
seit vielen Jahren niemand mehr so richtig braucht. House Muzak, ohne
Schreibfehler.
5/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Sonntag, 17. Januar 2021
A Thousand Vows - I RMX U [Samplefreunde 018]
A Thousand Vows kommt aus Oldenburg.
Auch wenn niemand so recht weiss, wo das eigentlich ist. Von diesem
nebulösen Ort aus kontaktiert er Bands und Projekte weltweit, um
deren Musik in sein ureigenes Soundgerüst zu betten, das irgendwo
zwischen Backpacker-Beatscience a la Anticon., verträumter
Indietronica und dem weitgefasst-schwammigen WitchHouse-Universum
verortet ist und so trifft es sich auch nicht schlecht, dass sich
unter den so neu Bearbeiteten neben eher unbekannten Acts wie Kirrin
Island, Monster Rally oder Billion One auch der Anticon.-Rapper Sole
befindet. File under: Frühherbstliche Befindlichkeitsmusik für Fans
von Burial, Nicolas Jaar oder John Talabot. Oder für Dates mit
introvertierten Indiemädchen.
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Sonntag, 10. Januar 2021
Amon Tobin - Amon Tobin Boxset [Ninja Tune]
15 Jahre Amon Tobin. 15 Jahre
elektronische Musik auf höchstem Niveau, Kollaborationen mit Philip
Glass und Ryuichi Sakamoto, Arbeiten auf dem Sektor der Film- und
Videospielmusik und nun für Ninja Tune Anlass für die wohl
ambitionierteste Retrospektive der Labelgeschichte – ein
limitiertes, massiv-mechanisches Boxset mit sechs 10“es, sieben CDs
und zwei DVDs, vollgepackt mit weitgehend unveröffentlichter Musik
aus der Feder von Amon Tobin. Ein wahres Fest für Fans und Sammler,
dem die vorliegende Promo-CD mit insgesamt 14 Tracks aus dem
Gesamtpaket aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal im Ansatz
gerecht werden kann, trotzdem jedoch die ganze Grossartigkeit des
Projektes zwischen TripHop und Drill’n’Bass zumindest erahnen
lässt. Anspieltips: „Lost And Found (Colin Stetson’s The Thief
Redux)“ / Ryuichi Sakamoto „Grief (Amon Tobin Remix)“ /
„Bloodstone (Royal Albert Hall Live)“
9/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
9/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Freitag, 1. Januar 2021
Still Flyin' - On A Bedroom Wall [Staatsakt]
Pop. 80er. Auf dem Waschzettel Verweise
in Richtung New Order, Tears For Fears, Ultravox. Grundsätzlich sind
das schon mal die richtigen Stichworte und wenn Haima Marriott of
Architecture In Helsinki-Fame als Produzent noch ein wenig Indie der
harmloseren Sorte dazurührt heisst das Ergebnis „On A Bedroom
Wall“, taugt für einen verliebten Sommer auf der Tanzfläche und
unter Umständen auch für einen kleinen Ausflug ins gute
Daytime-Radioprogramm („Spirits“), ist aber leider letztendlich
doch zu wenig eigenständig für’s Langzeitgedächtnis, auch wenn
die gesamte Platte so angenehm vertraut klingt wie die Stimme einer
guten alten Freundin. Me likey.
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Sonntag, 27. Dezember 2020
Caravan Palace - Panic [Embassy of Music]
ElectroSwing, GypsyJazz und der von mir
gern spasshaft so geschimpfte Zigeunertechno gelten vielerorts als
Sound der Stunde, bescheren Veranstaltern volle Häuser und liessen
auch das Erstlingswerk der Formation Caravan Palace laut Presseinfo
mehr als 150.000 Mal über den Ladentisch wandern. Ein Erfolg, der in
ähnlicher Weise wohl auch dem jüngst veröffentlichten Nachfolger
„Panic“ blühen könnte, kombiniert er doch anfangs genannte
Elemente mit klassischem und hochgepitchtem Swing und trifft damit
den sogenannten Nerv der Zeit. Ebendieser geht dem Rezensenten aber
nach spätestens 2 Songs ganz gehörig auf den Sack, sorgt in seiner
comichaften Überdrehtheit für gewaltig schlechte Laune und das
Bedürfnis als Gegenmittel hintereinander mindestens zwei LPs von
Merzbow oder V/Vm zu hören – bei maximaler Lautstärke. Falscher
Ansprechpartner, daher kein Recall. Furchtbare Musik.
0/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
0/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Dienstag, 22. Dezember 2020
Mittekill - All Bored, Weak And Old [Staatsakt.]
Lieb meets lo-fi. Semi-elektronischer
Befindlichkeitsindie mit Verständnis für Sehnsucht, Herzschmerz,
Songwritertum und die grosse Gefühlsduselei nach der Pille zu
viel. Ketaminblues für genau den Moment wenn beim ersten Aufstehen
nach drei Tagen wach Musik zwar muss, aber die gerade Bassdrum eben
doch noch nicht so richtig wieder geht. Und beim Blick auf die Uhr
des antiken iBooks des übermüdeten Schreiberlings entwickelt sich
ein Titel wie „Jtzt wrd gfckt“ sogar zum 01:30 a.m.-Minihit. Ob
das ausgeschlafen auch geht? Der Zweifel nagt bei Songs wie „Jobs“
und „Baby Rok“. Dem Zustand geschuldet und jede Verantwortung
ablehnend vergebe ich trotzdem...
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Dienstag, 15. Dezember 2020
DAT Politics - Blitz Gazer [Sub Rosa 342]
Let’s party like it’s 1999. Passt
irgendwie, denn seit eben diesem Jahr rocken DAT Politics mit ihrer
8bit-infizierten, zuweilen auch hypernervösen Interpretation von
Synth- und RoboterPop die Tanzflächen und vor allem Live-Bühnen
dieser Welt. Nun holen sie mit ihrem neuen Album „Blitz Gazer“
zum erneuten Rundumschlag aus, gewohnt verortet zwischen Trash und
Catchiness und gefangen in einer ewigen Zeitschleife zwischen
Micromusic, Bodenständig 2000, dem frühen Jeans Team und einer
nahezu Plemo’esquen Vorliebe für zuckersüssen Kitsch. Auch
geeignet für Fans von kontemporären Bands wie Bondage Fairies und
wäre 1999 nicht schon so lange her sogar beinahe grossartig.
Charming, aber nach 13 Jahren Konsequenz leicht angestaubt klingend
verdienen sich DAT Politics mit „Blitz Gazer“ trotzdem noch gute
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Mittwoch, 9. Dezember 2020
SCSI-9 - Metamorphosis [Klik Records]
Die russischen SCSI-9 veröffentlichen
ihren fünften Longplayer nun also auf dem griechischen Label Klik
Records und lassen schon mit dem ersten Track des Albums –
passenderweise „Intronome“ benannt – die Ohren des Rezensenten
weit aufgehen, lassen sich doch Parallelen zu legendären
Veröffentlichungen wie der „Showroom Recording Series #01“ auf
dem Wiener Label Cheap Records oder der ersten „Future Sound Of
Jazz“-Compilation bei diesem Stück angedubbtem Future Jazz nicht
verleugnen. Ab dem zweiten Track übernimmt dann doch wieder – im
ersten Moment ist der Gebrauch des Wörtchens „leider“ fast
naheliegend – die gerade Bassdrum, auf deren Basis das Duo jedoch
anmutig frostig-filigrane Flächenkonstrukte oder warm angedubbte
House-Ästhetiken schichtet, die nach dem Genuss von „Metamorphosis“
im heimischen Ohrensessel den Griff zur Repeat-Taste fast zur
automatischen Bewegung werden lässt. Durchaus angenehm.
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Donnerstag, 3. Dezember 2020
Addison Groove - Transistor Rhythm [50 Weapons]
Das lang überfällige Electro- und
GhettoBass-Revival ist in vollem Gange und einer der Schuldigen ist
Addison Groove, der mit seinem Tune „Footcrab“ quasi aus dem
nichts eine neue Welle der Begeisterung für ebenjene Musiken
auslöste. Auch wenn die Kids und Hipster heute aus welchem Gründen
auch immer Juke oder Dubstep schreien, der alte Gärtner kennt seine
Kräuter und weiss noch immer ganz genau welche Pflänzchen dieser
musikalischen Mischung die besondere Würze verleihen. Dreckige
Vocals, dicke 808-Drums und ein gehöriger Schuss Unformatted Breaks
/ South London Bass im Sinne von Acts wie Neil Landstrumm, Michael
Forshaw oder alter SMB- / Deadsilence-Releases gehören sicherlich
dazu. Und eine gesunde Härte, damit es nicht nur im Club sondern
auch auf illegalen Warehouse-Raves ordentlich knallt. Das tut es. Am
liebsten in grossen Industriehallen damit sich der Bass auch richtig
entfaltet und die morschen Fenster ordentlich scheppern.
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Mittwoch, 25. November 2020
Den Ishu - High U Gonna Feel [Supernature 022]
DeepHouse. Filter. Funk-Lick. Vocal.
Und das Ganze dann gedehnt auf 8 Minuten und n büschen, wie mensch
in Hamburg zu sagen pflegt. Schön. Auch, weil in der Form und
Konsequenz lange nicht gehört. Wäre bei mir vor 10 Jahren
wahrscheinlich gnadenlos durchgefallen aus den anfangs genannten
Gründen, kassiert jetzt aber wegen einsetzender Altersmilde und
einer immer stärker werdenden Sehnsucht nach kleinen, intimen,
rotplüschigen Clubs mit eigenständigem Booking, eingespielten
Residents und ohne Fremdveranstalter im Boot zusätzliche
Sympathiepunkte. Ausserdem stehen auf Grund meines recht
angeschlagenen Seelenzustandes traurig-verhallte Moll-Pianos –
Atavism-Remix! – hoch im Kurs, ebenso wie sehnsuchtsvoller
EmoHouse. Mag ich.
9/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
9/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Mittwoch, 18. November 2020
Sean Roman - The Moan EP [Fest Records 001]
Erst die Parties, dann das Label.
Interessantes Konzept, das die übliche Reihenfolge gnadenlos umdreht
und jetzt mit Sean Roman's „Moan EP“ die erste Katalognummer auf
die Welt loslässt. Dahingestellt sei jetzt einmal, ob die Welt
jetzt wirklich noch eine Platte mit harmlos-melodischem, aber
durchaus solide vor sich hin groovendem TechHouse braucht,
zweifelsohne erfüllen aber sowohl „Moan“ als auch „Bocuse“
die Mindestansprüche für ebensolchen und halten die Meute auf der
Tanzfläche – sowohl im Club als auch auf diversen sommerlichen
OpenAirs in Mecklenburg-Vorpommern oder wo auch immer. Gleiches gilt
auch für die Remixes von M A N I K – wer denkt sich eigentlich in
Zeiten von Google freiwillig so eine Schreibweise aus, ausser
heroinabhängigen WitchHouse- und ChillWave-Projekten? – und
Waifs & Stray, denen zwar die Funktionalität gut zu Gesicht
steht, aber von Rezensentenseite doch die Forderung nach „Mehr
Mut!“ auslösen. Gute Ausführung, aber eben auch nicht zwingend
mehr.
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Mittwoch, 11. November 2020
Reptile Youth - Speeddance [HFN Music 013]
Wenn eine Band ohne eine einzige
Veröffentlichung im Gepäck Europa und Asien betourt, Clubs in
chaotisch-energiegeladene Moshpits verwandelt und dabei Fans
einsammelt wie ein für den Winterschlaf hamsterndes Eichhörnchen
gibt es im Regelfall nur zwei konträre Erklärungen – total
überbewerteter Hype oder aber echtes Potential. Im Falle der Reptile
Youth trifft glücklicherweise letzteres zu und deshalb ist
„Speeddance“ mit seiner Fuck-Noise-Disco-Attitude,
dreckig-verschwitztem Basslauf und den „wir können gar nicht
anders als mitbrüllen“ Vocals der heisseste Anwärter für die
IndieElectroGrunge-Hymne des kommenden Sommers, wenn nicht des ganzen
noch recht jungen Jahres. Von IndieKid bis zum RavePunk kann sich
jeder auf „Speeddance“ einigen, ohne dass die verrückt gewordenen
Dänen auch nur den Hauch eines Kompromisses eingehen müssen.
Stattdessen wird mit dicken Eiern und grossem Selbstbewusstsein auf
der B-Seite der 7“ noch eine Coverversion von Deathcrush
nachgeliefert, die sich zwischen Homerecording-Ästhetik, Genialen
Dilletanten, einer aus dem Ruder gelaufenen Faust-Session, eimerweise
Noise und Oval’schem CD-Skippen bewegt. Die spinnen doch alle.
10/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
10/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Sonntag, 1. November 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
...Weihnachten. Während der
Normalbürger sich zwischen Konsumrausch und Strassenkrieg zum
Jahresende den kleinen und grossen Dramen im Kreise der Familie und /
oder der Lieben widmet und der halbwegs musikinteressierte Mensch
sich wieder – und zu Recht – über die Ergebnisse ungezählter
Jahrespolls echauffiert, nutzt der Schreiber dieser Zeilen die
angeblich besinnliche Zeit, um noch einmal ein paar zu Unrecht
unterbewertete oder einfach übersehene Scheiben des letzten Jahres
Revue passieren zu lassen. Es folgt: kein Jahresrückblick.
Beginnen wir mit der schon im Juli auf
dem inselbritischen Label Peng Sound erschienenen „Gorgon Sound
E.P.“ des gleichnamigen Projektes, die dank kompliziert
verschachtelter Importumwege über Frankreich erst jüngst den Weg in
hiesige Plattenläden fand. In schwerem Karton-Gatefoldcover auf 180
Gramm-Vinyl bedient diese E.P. die Freunde des haptischen
Musikerlebnisses schon im Vorfeld des ersten Tons und entpuppt sich
mit ihren vier Tracks als wahres Brett in Sachen klassischer Dub /
DubHouse-Kultur. Mächtige, raumgreifende Analogbässe bilden das
Gerüst für fordernde 4/4 Beats sowie Dub-typische Offbeat-Chords
und Rimshots, zu denen auf zwei Tunes Junior Dread und Guy Calhoun
verhallende Vocals beisteuern. Ansonsten regiert die Tiefe des
Hallraums über die Reduktion auf absolut essentielle Elemente und
genau darin besteht die grosse Kunst der originären Dubkultur, was
diese 2x12“ zur absolut unausweichlichen Anschaffung macht.
Weiter geht es mit „Y“, dem zweiten
und wieder in kompletter Eigenregie veröffentlichten Doppelalbum des
deutschen Duos [aniYo kore], welches auch mit seinem neuen Werk der
Errettung und Wiederbelebung des vocallastigen TripHop /
Downtempo-Genres einen weiteren, riesigen Schritt näher kommt.
Musikalisch der dunklen, gern auch am Schmerz des Lebens tief
leidenden Moll-Tonlage auf skelettiertem Beatgerüst zugetan, öffnet
sich das Soundspektrum der Band auf diesem Album weg vom
Illbient-Ansatz hin zum, teils intim folkigen, Gitarren- und
Basseinsatz und inkludiert partiell sogar Raps, ohne sich jedoch weit
vom bekannten Grundton des charakteristischen [aniYo kore]-Sound zu
entfernen. Nicht ausschliesslich, aber auch, empfohlen für Freunde
von Portishead, Nicolette & Co. und in einer Auflage von 300
Exemplaren nur direkt über die Band zu beziehen.
Doch auch in puncto
Wiederveröffentlichungen und Neuauflagen hielt das vergangene Jahr
mehr qualitativ hochwertige Tonträger bereit als schriftlich in der
ihnen gebührenden Länge diskutiert werden konnten. Beispielhaft für
diesen durchaus begrüssenswerten Trend sei an dieser Stelle das via
Mute / The Grey Area im November wieder zugänglich gemachte Cabaret
Voltaire-Album „Micro-Phonies“ genannt, welches – noch einmal
neu gemastert – nicht nur die nach wie vor zwingende Aktualität
der bereits in 1984 veröffentlichten LP auf der Schnittstelle
zwischen PostPunk-Elementen, Industrial-Resten, NuBeat und modernem
Electro / ProtoTechno noch einmal neu vor die Augen einer damals noch
ungeborenen Generation führt, sondern auch aus dem Fokus geratene
Underground-Hits wie „Digital Rasta“, „Blue Heat“, „Spies
In The Wires“ und das zu jener Zeit sogar gechartete „Sensoria“
hoffentlich wieder zurück auf die Tanzflächen der Welt bringt. Must
have, weil geschichtsträchtig.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 02/2014
Freitag, 23. Oktober 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
...Struktur. Denn gerade diese ist, wie
die jüngsten Erfahrungen mit dem „Ich wäre gern Orkan
geworden“-Wintersturm Xaver zeigen, in heutigen Gesellschaften auch
immer höchst anfällig für irrationale Störungen – besonders für
haus-, mensch- und mediengemachte. Früher war weniger Panik und in
diesem wohlmeinenden Sinne dürfen alle musikalischen
Strukturtraditionalisten bis zum letzten Teil dieser Kolumne getrost
auf Durchzug schalten.
Den Anfang machen die drei
Experimentalmusiker C. Spencer Yeh, Okkyung Lee und Lasse Marhaug mit
„Wake Up Awesome“ auf dem in Brooklyn, New York beheimateten
Label Software Recording Co. und liefern mit diesem Album ein
40-minütiges Manifest in Sachen Industrial Noize meets FreeJazz.
Mäandernd zwischen tatsächlicher Echtzeitimprovisation und
nachbearbeiteteten Studioaufnahmen erinnert „Wake Up Awesome“ in
kurzen Phasen an die verglitchten Variationen der legendären
„Ekkehard Ehlers plays Albert Ayler“-LP auf Staubgold, häufig
an hochdigitalen Lärm und hat in ruhigeren Passagen wie „Mission:
Nothing“ sogar rudimentär ambiente Züge, die natürlich umgehend
durch allerhand mahlende Distortion und lavaartig gewitternde White
Noise-Ausbrüche ad absurdum geführt werden. Heftiger Stoff für
klirrend kalte Winternächte.
Gesitteter, wenn auch nicht weniger
fern der Traditionsstrukur geht es auf den beiden aktuellen 3“
CD-Veröffentlichungen des Electroton-Labels zu. Beide auf jeweils
100 Stück limitiert, serviert Marek Slipek a.k.a. Cernlab mit seinem
Viertracker „Atomherz“ als Katalognummer 014 des Labels
hochgradig digitalisierten ElectroPhonk mit klar definierten
Spielereien im Stereofeld, die auch fortgeschrittene Dancefloorcrowds
dank ihrer sci-fi'esquen Bedrohlichkeit und zuweilen schizophren
wirkender Klänge in den wohlverdienten Wahnsinn zu treiben
verstehen, während ujif_notfound mit „Aneuch“ in drei Versionen
dem zu Unrecht aus dem musikalischen Fokus dieser Zeit gerückten
Clicks'n'Cuts-Genre zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. Dabei
fusioniert er in Perfektion die präzisen Kleinstgeräusche digitaler
Kommunikation und klickernder Festplatten mit fliessend weichem
Ambient, der in dieser ausgereiften Form leider viel zu selten den
Weg auf physische Tonträger findet – erst echt nicht auf so
ansprechend minimalistisch geboxte, wie sie bei Electroton zum
ästhetischen Standard gehören.
Nach diesem kurzen Ausflug ins Land der
musikalischen Experimente und der aktuellen CD-Veröffentlichungen
auf diesem Gebiet, geht es mit dem Re-Release des Monats nicht nur
zurück zum schwarzen Vinylgold sondern auch ins Ethiopien der
1970er-Jahre, in dem Alemayehu Eshete sich als eine der grossen
Stimmen einer blühenden Jazz, Funk und Soul-Szene hervortat. Schon
in 2007 versammelte das Label L'Arome Productions zehn seiner in
Zusammenarbeit mit Girma Beyene oder Lemma Demmissew enstandenen
Songs unter dem Titel „Ethiopian Urban Modern Music Vol.2“ im
Rahmen der „Ethiopiques“-Serie, die nun dankenswerterweise wieder
auf Vinyl erhältlich ist und nicht nur exzessiven Cratediggern und
Samplefreaks einen faszinierenden Einblick in die Musik eines
lebendigen Nordafrika jener Jahre ermöglicht. Uneingeschränkt
empfohlen für einen Ausflug in Gefilde weit jenseits der rein
elektronischen Musik, die unsereins nahezu täglich umgibt.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 01/2014
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