ElectroSwing, GypsyJazz und der von mir
gern spasshaft so geschimpfte Zigeunertechno gelten vielerorts als
Sound der Stunde, bescheren Veranstaltern volle Häuser und liessen
auch das Erstlingswerk der Formation Caravan Palace laut Presseinfo
mehr als 150.000 Mal über den Ladentisch wandern. Ein Erfolg, der in
ähnlicher Weise wohl auch dem jüngst veröffentlichten Nachfolger
„Panic“ blühen könnte, kombiniert er doch anfangs genannte
Elemente mit klassischem und hochgepitchtem Swing und trifft damit
den sogenannten Nerv der Zeit. Ebendieser geht dem Rezensenten aber
nach spätestens 2 Songs ganz gehörig auf den Sack, sorgt in seiner
comichaften Überdrehtheit für gewaltig schlechte Laune und das
Bedürfnis als Gegenmittel hintereinander mindestens zwei LPs von
Merzbow oder V/Vm zu hören – bei maximaler Lautstärke. Falscher
Ansprechpartner, daher kein Recall. Furchtbare Musik.
0/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Sonntag, 27. Dezember 2020
Dienstag, 22. Dezember 2020
Mittekill - All Bored, Weak And Old [Staatsakt.]
Lieb meets lo-fi. Semi-elektronischer
Befindlichkeitsindie mit Verständnis für Sehnsucht, Herzschmerz,
Songwritertum und die grosse Gefühlsduselei nach der Pille zu
viel. Ketaminblues für genau den Moment wenn beim ersten Aufstehen
nach drei Tagen wach Musik zwar muss, aber die gerade Bassdrum eben
doch noch nicht so richtig wieder geht. Und beim Blick auf die Uhr
des antiken iBooks des übermüdeten Schreiberlings entwickelt sich
ein Titel wie „Jtzt wrd gfckt“ sogar zum 01:30 a.m.-Minihit. Ob
das ausgeschlafen auch geht? Der Zweifel nagt bei Songs wie „Jobs“
und „Baby Rok“. Dem Zustand geschuldet und jede Verantwortung
ablehnend vergebe ich trotzdem...
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Dienstag, 15. Dezember 2020
DAT Politics - Blitz Gazer [Sub Rosa 342]
Let’s party like it’s 1999. Passt
irgendwie, denn seit eben diesem Jahr rocken DAT Politics mit ihrer
8bit-infizierten, zuweilen auch hypernervösen Interpretation von
Synth- und RoboterPop die Tanzflächen und vor allem Live-Bühnen
dieser Welt. Nun holen sie mit ihrem neuen Album „Blitz Gazer“
zum erneuten Rundumschlag aus, gewohnt verortet zwischen Trash und
Catchiness und gefangen in einer ewigen Zeitschleife zwischen
Micromusic, Bodenständig 2000, dem frühen Jeans Team und einer
nahezu Plemo’esquen Vorliebe für zuckersüssen Kitsch. Auch
geeignet für Fans von kontemporären Bands wie Bondage Fairies und
wäre 1999 nicht schon so lange her sogar beinahe grossartig.
Charming, aber nach 13 Jahren Konsequenz leicht angestaubt klingend
verdienen sich DAT Politics mit „Blitz Gazer“ trotzdem noch gute
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 05/2012
Mittwoch, 9. Dezember 2020
SCSI-9 - Metamorphosis [Klik Records]
Die russischen SCSI-9 veröffentlichen
ihren fünften Longplayer nun also auf dem griechischen Label Klik
Records und lassen schon mit dem ersten Track des Albums –
passenderweise „Intronome“ benannt – die Ohren des Rezensenten
weit aufgehen, lassen sich doch Parallelen zu legendären
Veröffentlichungen wie der „Showroom Recording Series #01“ auf
dem Wiener Label Cheap Records oder der ersten „Future Sound Of
Jazz“-Compilation bei diesem Stück angedubbtem Future Jazz nicht
verleugnen. Ab dem zweiten Track übernimmt dann doch wieder – im
ersten Moment ist der Gebrauch des Wörtchens „leider“ fast
naheliegend – die gerade Bassdrum, auf deren Basis das Duo jedoch
anmutig frostig-filigrane Flächenkonstrukte oder warm angedubbte
House-Ästhetiken schichtet, die nach dem Genuss von „Metamorphosis“
im heimischen Ohrensessel den Griff zur Repeat-Taste fast zur
automatischen Bewegung werden lässt. Durchaus angenehm.
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
7/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Donnerstag, 3. Dezember 2020
Addison Groove - Transistor Rhythm [50 Weapons]
Das lang überfällige Electro- und
GhettoBass-Revival ist in vollem Gange und einer der Schuldigen ist
Addison Groove, der mit seinem Tune „Footcrab“ quasi aus dem
nichts eine neue Welle der Begeisterung für ebenjene Musiken
auslöste. Auch wenn die Kids und Hipster heute aus welchem Gründen
auch immer Juke oder Dubstep schreien, der alte Gärtner kennt seine
Kräuter und weiss noch immer ganz genau welche Pflänzchen dieser
musikalischen Mischung die besondere Würze verleihen. Dreckige
Vocals, dicke 808-Drums und ein gehöriger Schuss Unformatted Breaks
/ South London Bass im Sinne von Acts wie Neil Landstrumm, Michael
Forshaw oder alter SMB- / Deadsilence-Releases gehören sicherlich
dazu. Und eine gesunde Härte, damit es nicht nur im Club sondern
auch auf illegalen Warehouse-Raves ordentlich knallt. Das tut es. Am
liebsten in grossen Industriehallen damit sich der Bass auch richtig
entfaltet und die morschen Fenster ordentlich scheppern.
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
8/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Mittwoch, 25. November 2020
Den Ishu - High U Gonna Feel [Supernature 022]
DeepHouse. Filter. Funk-Lick. Vocal.
Und das Ganze dann gedehnt auf 8 Minuten und n büschen, wie mensch
in Hamburg zu sagen pflegt. Schön. Auch, weil in der Form und
Konsequenz lange nicht gehört. Wäre bei mir vor 10 Jahren
wahrscheinlich gnadenlos durchgefallen aus den anfangs genannten
Gründen, kassiert jetzt aber wegen einsetzender Altersmilde und
einer immer stärker werdenden Sehnsucht nach kleinen, intimen,
rotplüschigen Clubs mit eigenständigem Booking, eingespielten
Residents und ohne Fremdveranstalter im Boot zusätzliche
Sympathiepunkte. Ausserdem stehen auf Grund meines recht
angeschlagenen Seelenzustandes traurig-verhallte Moll-Pianos –
Atavism-Remix! – hoch im Kurs, ebenso wie sehnsuchtsvoller
EmoHouse. Mag ich.
9/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
9/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Mittwoch, 18. November 2020
Sean Roman - The Moan EP [Fest Records 001]
Erst die Parties, dann das Label.
Interessantes Konzept, das die übliche Reihenfolge gnadenlos umdreht
und jetzt mit Sean Roman's „Moan EP“ die erste Katalognummer auf
die Welt loslässt. Dahingestellt sei jetzt einmal, ob die Welt
jetzt wirklich noch eine Platte mit harmlos-melodischem, aber
durchaus solide vor sich hin groovendem TechHouse braucht,
zweifelsohne erfüllen aber sowohl „Moan“ als auch „Bocuse“
die Mindestansprüche für ebensolchen und halten die Meute auf der
Tanzfläche – sowohl im Club als auch auf diversen sommerlichen
OpenAirs in Mecklenburg-Vorpommern oder wo auch immer. Gleiches gilt
auch für die Remixes von M A N I K – wer denkt sich eigentlich in
Zeiten von Google freiwillig so eine Schreibweise aus, ausser
heroinabhängigen WitchHouse- und ChillWave-Projekten? – und
Waifs & Stray, denen zwar die Funktionalität gut zu Gesicht
steht, aber von Rezensentenseite doch die Forderung nach „Mehr
Mut!“ auslösen. Gute Ausführung, aber eben auch nicht zwingend
mehr.
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
6/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Mittwoch, 11. November 2020
Reptile Youth - Speeddance [HFN Music 013]
Wenn eine Band ohne eine einzige
Veröffentlichung im Gepäck Europa und Asien betourt, Clubs in
chaotisch-energiegeladene Moshpits verwandelt und dabei Fans
einsammelt wie ein für den Winterschlaf hamsterndes Eichhörnchen
gibt es im Regelfall nur zwei konträre Erklärungen – total
überbewerteter Hype oder aber echtes Potential. Im Falle der Reptile
Youth trifft glücklicherweise letzteres zu und deshalb ist
„Speeddance“ mit seiner Fuck-Noise-Disco-Attitude,
dreckig-verschwitztem Basslauf und den „wir können gar nicht
anders als mitbrüllen“ Vocals der heisseste Anwärter für die
IndieElectroGrunge-Hymne des kommenden Sommers, wenn nicht des ganzen
noch recht jungen Jahres. Von IndieKid bis zum RavePunk kann sich
jeder auf „Speeddance“ einigen, ohne dass die verrückt gewordenen
Dänen auch nur den Hauch eines Kompromisses eingehen müssen.
Stattdessen wird mit dicken Eiern und grossem Selbstbewusstsein auf
der B-Seite der 7“ noch eine Coverversion von Deathcrush
nachgeliefert, die sich zwischen Homerecording-Ästhetik, Genialen
Dilletanten, einer aus dem Ruder gelaufenen Faust-Session, eimerweise
Noise und Oval’schem CD-Skippen bewegt. Die spinnen doch alle.
10/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
10/10 Points
Gastreview für Fazemag, Ausgabe 04/2012
Sonntag, 1. November 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
...Weihnachten. Während der
Normalbürger sich zwischen Konsumrausch und Strassenkrieg zum
Jahresende den kleinen und grossen Dramen im Kreise der Familie und /
oder der Lieben widmet und der halbwegs musikinteressierte Mensch
sich wieder – und zu Recht – über die Ergebnisse ungezählter
Jahrespolls echauffiert, nutzt der Schreiber dieser Zeilen die
angeblich besinnliche Zeit, um noch einmal ein paar zu Unrecht
unterbewertete oder einfach übersehene Scheiben des letzten Jahres
Revue passieren zu lassen. Es folgt: kein Jahresrückblick.
Beginnen wir mit der schon im Juli auf
dem inselbritischen Label Peng Sound erschienenen „Gorgon Sound
E.P.“ des gleichnamigen Projektes, die dank kompliziert
verschachtelter Importumwege über Frankreich erst jüngst den Weg in
hiesige Plattenläden fand. In schwerem Karton-Gatefoldcover auf 180
Gramm-Vinyl bedient diese E.P. die Freunde des haptischen
Musikerlebnisses schon im Vorfeld des ersten Tons und entpuppt sich
mit ihren vier Tracks als wahres Brett in Sachen klassischer Dub /
DubHouse-Kultur. Mächtige, raumgreifende Analogbässe bilden das
Gerüst für fordernde 4/4 Beats sowie Dub-typische Offbeat-Chords
und Rimshots, zu denen auf zwei Tunes Junior Dread und Guy Calhoun
verhallende Vocals beisteuern. Ansonsten regiert die Tiefe des
Hallraums über die Reduktion auf absolut essentielle Elemente und
genau darin besteht die grosse Kunst der originären Dubkultur, was
diese 2x12“ zur absolut unausweichlichen Anschaffung macht.
Weiter geht es mit „Y“, dem zweiten
und wieder in kompletter Eigenregie veröffentlichten Doppelalbum des
deutschen Duos [aniYo kore], welches auch mit seinem neuen Werk der
Errettung und Wiederbelebung des vocallastigen TripHop /
Downtempo-Genres einen weiteren, riesigen Schritt näher kommt.
Musikalisch der dunklen, gern auch am Schmerz des Lebens tief
leidenden Moll-Tonlage auf skelettiertem Beatgerüst zugetan, öffnet
sich das Soundspektrum der Band auf diesem Album weg vom
Illbient-Ansatz hin zum, teils intim folkigen, Gitarren- und
Basseinsatz und inkludiert partiell sogar Raps, ohne sich jedoch weit
vom bekannten Grundton des charakteristischen [aniYo kore]-Sound zu
entfernen. Nicht ausschliesslich, aber auch, empfohlen für Freunde
von Portishead, Nicolette & Co. und in einer Auflage von 300
Exemplaren nur direkt über die Band zu beziehen.
Doch auch in puncto
Wiederveröffentlichungen und Neuauflagen hielt das vergangene Jahr
mehr qualitativ hochwertige Tonträger bereit als schriftlich in der
ihnen gebührenden Länge diskutiert werden konnten. Beispielhaft für
diesen durchaus begrüssenswerten Trend sei an dieser Stelle das via
Mute / The Grey Area im November wieder zugänglich gemachte Cabaret
Voltaire-Album „Micro-Phonies“ genannt, welches – noch einmal
neu gemastert – nicht nur die nach wie vor zwingende Aktualität
der bereits in 1984 veröffentlichten LP auf der Schnittstelle
zwischen PostPunk-Elementen, Industrial-Resten, NuBeat und modernem
Electro / ProtoTechno noch einmal neu vor die Augen einer damals noch
ungeborenen Generation führt, sondern auch aus dem Fokus geratene
Underground-Hits wie „Digital Rasta“, „Blue Heat“, „Spies
In The Wires“ und das zu jener Zeit sogar gechartete „Sensoria“
hoffentlich wieder zurück auf die Tanzflächen der Welt bringt. Must
have, weil geschichtsträchtig.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 02/2014
Freitag, 23. Oktober 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
...Struktur. Denn gerade diese ist, wie
die jüngsten Erfahrungen mit dem „Ich wäre gern Orkan
geworden“-Wintersturm Xaver zeigen, in heutigen Gesellschaften auch
immer höchst anfällig für irrationale Störungen – besonders für
haus-, mensch- und mediengemachte. Früher war weniger Panik und in
diesem wohlmeinenden Sinne dürfen alle musikalischen
Strukturtraditionalisten bis zum letzten Teil dieser Kolumne getrost
auf Durchzug schalten.
Den Anfang machen die drei
Experimentalmusiker C. Spencer Yeh, Okkyung Lee und Lasse Marhaug mit
„Wake Up Awesome“ auf dem in Brooklyn, New York beheimateten
Label Software Recording Co. und liefern mit diesem Album ein
40-minütiges Manifest in Sachen Industrial Noize meets FreeJazz.
Mäandernd zwischen tatsächlicher Echtzeitimprovisation und
nachbearbeiteteten Studioaufnahmen erinnert „Wake Up Awesome“ in
kurzen Phasen an die verglitchten Variationen der legendären
„Ekkehard Ehlers plays Albert Ayler“-LP auf Staubgold, häufig
an hochdigitalen Lärm und hat in ruhigeren Passagen wie „Mission:
Nothing“ sogar rudimentär ambiente Züge, die natürlich umgehend
durch allerhand mahlende Distortion und lavaartig gewitternde White
Noise-Ausbrüche ad absurdum geführt werden. Heftiger Stoff für
klirrend kalte Winternächte.
Gesitteter, wenn auch nicht weniger
fern der Traditionsstrukur geht es auf den beiden aktuellen 3“
CD-Veröffentlichungen des Electroton-Labels zu. Beide auf jeweils
100 Stück limitiert, serviert Marek Slipek a.k.a. Cernlab mit seinem
Viertracker „Atomherz“ als Katalognummer 014 des Labels
hochgradig digitalisierten ElectroPhonk mit klar definierten
Spielereien im Stereofeld, die auch fortgeschrittene Dancefloorcrowds
dank ihrer sci-fi'esquen Bedrohlichkeit und zuweilen schizophren
wirkender Klänge in den wohlverdienten Wahnsinn zu treiben
verstehen, während ujif_notfound mit „Aneuch“ in drei Versionen
dem zu Unrecht aus dem musikalischen Fokus dieser Zeit gerückten
Clicks'n'Cuts-Genre zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. Dabei
fusioniert er in Perfektion die präzisen Kleinstgeräusche digitaler
Kommunikation und klickernder Festplatten mit fliessend weichem
Ambient, der in dieser ausgereiften Form leider viel zu selten den
Weg auf physische Tonträger findet – erst echt nicht auf so
ansprechend minimalistisch geboxte, wie sie bei Electroton zum
ästhetischen Standard gehören.
Nach diesem kurzen Ausflug ins Land der
musikalischen Experimente und der aktuellen CD-Veröffentlichungen
auf diesem Gebiet, geht es mit dem Re-Release des Monats nicht nur
zurück zum schwarzen Vinylgold sondern auch ins Ethiopien der
1970er-Jahre, in dem Alemayehu Eshete sich als eine der grossen
Stimmen einer blühenden Jazz, Funk und Soul-Szene hervortat. Schon
in 2007 versammelte das Label L'Arome Productions zehn seiner in
Zusammenarbeit mit Girma Beyene oder Lemma Demmissew enstandenen
Songs unter dem Titel „Ethiopian Urban Modern Music Vol.2“ im
Rahmen der „Ethiopiques“-Serie, die nun dankenswerterweise wieder
auf Vinyl erhältlich ist und nicht nur exzessiven Cratediggern und
Samplefreaks einen faszinierenden Einblick in die Musik eines
lebendigen Nordafrika jener Jahre ermöglicht. Uneingeschränkt
empfohlen für einen Ausflug in Gefilde weit jenseits der rein
elektronischen Musik, die unsereins nahezu täglich umgibt.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 01/2014
Sonntag, 11. Oktober 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
...Winterwahn. Auch wenn die dunkle
Jahreszeit absehbar nachhaltige Veränderungen mit sich bringt,
glänzt das letzte frühlingshafte Aufbäumen des Jahres zum
Entstehungszeitpunkt dieser Zeilen noch einmal durch einen
abwechslungsreichen Strauß bunter Vinylblumen, die es mit dieser
Kolumne näher zu bestimmen gilt.
Angefangen mit dem italienischen Duo
Gianclaudio Hashem Moniri & Giuseppe Carlini a.k.a. Plaster, das
sich mit der Originalversion ihres Tracks „Circular Mechanism“
auf dem schwedischen Label SonouS dem Thema Ambient von seiner
deepen, verdubbt elektronischen Seite her nähert und einen wahren
Trip zwischen Deadbeat'scher Unterkühlung und der trippig
hypnotischen Wirkung zu Unrecht unterschätzter Klassiker aus der
Feder von Nommo Ogo oder Carlito Verde abliefert. Auf der Flipside
findet sich ein Remix von Substance, der sich voll und ganz dem
maximalstverzögerten SciFi-Dub widmet und sich dank seines
schleppenden Ungrooves auch im Illbient-Kontext als wirksamer
Lieferant innerer Unruhe und psychischer Unrast anbietet.
Das Gegenteil dieser Unrast findet sich
mit Race To Space's „Baikal“ auf der dritten Vinylausgabe des
russischen Imprints Ketama Records. Zwar findet sich auch hier ein
Hang zur ambientösen Trippigkeit, diese jedoch fusioniert mit
lieblichem Frauengesang und einem Downbeat (Not Downbeat)-Gefühl zu
einer durchaus hörangenehmen Angelegenheit, die veredelt durch
Remixer wie Benji Vaughan, Tripswitch und Electrosoul System nie die
musikalische Komfortzone verlässt, selbst wenn es - wie im
letztgenannten Remixfall – auch um Dancefloor-affine Beats mit
abstrahierte NuSkoolBreaks-Ausrichtung geht. Sehr schön.
Ebenfalls schön und auf sehr
erstaunliche Weise trotz ca. 50%iger Überschneidung zum Originalwerk
wesentlich tiefgehender und kohärenter präsentiert sich die jüngst
in limitierter Version auf schneeweissem Vinyl erschienene
Instrumentalversion des zu Recht hoch gelobten „Lost“-Albums aus
der Feder des dänischen Produzenten Anders Trentemøller, das in
dieser Form noch eine weitere. neue Perspektive auf seine
musikalischen Fähigkeiten eröffnet. Ein perfekter Soundtrack für
geisterhaft vernebelte Frühwintertage.
Ebenfalls in coloriertem Vinyl gepresst
ist die Laufnummer 022 des inselbritischen Drum'n'Bass-Labels Sinuous
Records, das mit dieser die beiden Tracks „Excavator“ und
„Complexity“ aus dem Studio des Produzenten Minor Rain direkt auf
die Tanzflächen katapultiert. Extrem aufgeräumtes Sounddesign
trifft im erstgenannten Tune auf messerscharfe Beats im Sinne des
„long black tunnel“ der Endneunziger Virus-Schule, die ihre
Faszination nicht nur aus der absolut technischen Versiertheit der
Produktion, sondern auch aus ihren unterkühlten, sci-fi-verliebten
und komplex verstolperten Percussion-Motiven schöpft, die sich mit
tödlicher Präzision um die Hauptelemente Bassdrum und Snare winden.
Auf der Flipside übernimmt dem Namen entsprechend eben genau jene
Komplexität in Form minimalistischer, sich nahezu ineinander
verschlingenden Beats die tragende Rolle und überführt das Erbe
früher Photek-, Hidden Agenda- und Source Direct-Produktionen in
minimalistischer Form in die Jetztzeit. Call it Complex Jungle?
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 12/2013
Donnerstag, 1. Oktober 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…Monochromatismus. Wer den Verfasser
dieser Kolumne kennt, wird ihn aufgrund seiner selten gebrochenen
Vorliebe für vorwiegend schwarze bis maximal dunkelgraue Kleidung
umgehend Lügen strafen. Doch weil dieser Tage ein Herbst Einzug hält
in die Strassen dieses Landes und den Blätterwald der Alleen in ein
Potpourri der Farben verwandelt geht es auch in dieser Kolumne
zumindest stilistisch ein wenig bunter zu.
Angefangen mit der jüngst auf Poker
Flat Recordings erschienenen „Lectures E.P.“ des jungen
Niederländers Wouter De Moor, dem es nicht nur gelingt das erste
Interview-Acapella überhaupt auf einer 12“ des Labels
unterzubringen, sondern der auch die Worte des interviewten Theo
Parrish in nahezu perfekter Wildpitch-Emulation im titelgebenden
Track umsetzt. Geremixt wird dieser auf der Flipside von Kirk
Degiorgio während Wouter De Moor auf A2 mit seinem ebenfalls
grossartigen Oldskool-Cut „8 Voices“ noch einmal ein fettes
Original mit rohen Claps und scharfen Hi-Hats nachlegt. So geht
House.
Komplett gitarrenlastig geht es weiter
mit der achten Veröffentlichung der Major Label-Schwester
SuperKamiokandeDetektor, auf der mit „Jetzt Ist Es Kaputt“ eine
überaus bezaubernde EP der Formation Goldner Anker erscheint. Wie
gewohnt verortet zwischen unpoppigem Melodiengebrauch, rauher
IndiePunk-Credibility und fragil rauchiger Frauenstimme liefern
Goldner Anker hier drei kleine, aber feine Hits im Original – allen
voran das antikonsumistische „Ticket“ - und lassen darüber
hinaus den auf ihrem 2012 Debutalbum erschienen Song „Only You“
von Jkube durch den PostJungle vs. Dubstep-affinen Remixwolf drehen
ohne das dabei das Original der vollkommenen Fragmentierung
anheimfällt. Mission erfüllt.
Anderweitig organisch präsentiert sich
die vierköpfige Dark resp. Future Jazz-Formation Falling, die mit
dem aufwendig gestalteten „Original Motion Picture Soundtrack“
dieser Tage ihr auf 100 Exemplare limitiertes Debutalbum auf dem in
Mettmann beheimateten Label Shhhh Records vorlegt. Im weitesten Sinne
verortet zwischen Bugge Wesseltoft's New Conceptions Of Jazz-Ästhetik
und den Future Jazz-Variationen des klassischen, ehemals in Wien
beheimateten Showroom Recordings-Projektes emulieren Turgut Kocer,
Helge Neuhaus, Gabriel Masterson und Frederik Groborsch hier einen
waschechten Improv-Ansatz, ohne sich je zusammen in dieser
Konstellation an einem realen Ort befunden zu haben. Die Welt des
schnellen Datenverkehrs macht es möglich und schenkt uns mit
„Original Motion Picture Soundtrack“ einen entschleunigten Score
für vernebelte Herbstabende mit ernsthaften Drinks. Im Falle des
Verfasser dürfte die Wahl des letztgenannten hier zweifelsohne auf
einen Maple Old Fashioned fallen.
Zurück auf dem Dancefloor befinden wir
uns final mit der „Guy Martin EP“ des Max.Ernst-Gründers und
Studio-Veteranen Thomas Brinkmann a.k.a. Brinkmann in allerbester
Gesellschaft. Verortet zwischen tiefenhypnotischem ClubTechno mit
spannungsgeladener Crimescene-Atmosphäre und jazzigen Ambitionen,
Metal'esquen Schrammelbässen auf Viererfußbasis und an FutureJazz
orientierten Downtempo-Exkursionen liefert das Third Ear-Label mit
dieser 12“ nicht nur drei qualitativ hochwertige Tracks sondern
denkt mit dieser Zusammenstellung auch über gewohnte Genre- und
Schubladengrenzen hinaus und macht damit deutlich, daß es
letztendlich doch nur um eines geht: die Musik.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 11/2013
Samstag, 19. September 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
… reality. Nicht nur, weil das Leben
manchmal wie ein Film erscheint, in dem mensch zufällig auch selbst
eine Rolle spielt, sondern weil spätestens die Diskussion um PRISM,
Echelon und Tempora auch den weniger aufmerksamen Individuen unter
uns eine Ahnung davon vermittelt haben, daß es da draussen eine
Menge Dinge gibt von denen der Normalbürger nur kaum eine Ahnung hat
und auch wir – ohne verschwörungstheoretische Gedanken befeuern zu
wollen – zuweilen nur Statisten in einem Film sind, bei dem Andere
Regie führen. Aus diesem Grund geht es in dieser Kolumne um
Soundtracks resp. solche Veröffentlichungen, die eigentlich als
solche prädestiniert sind oder vorgeben, Soundtrack zu sein – wenn
auch in der Zukunft.
Eine ebensolche Veröffentlichung ist
„The Mean“, das auf dem Tapelabel Voluntary Whores erschienene
Album des Ambient- / Deep Listening-Projektes Wardrobe Memories.
Limitiert auf 48 Exemplare weltweit handelt es sich hier angeblich um
einen Soundtrack, der durch einen missglückten Zeitreiseunfall in
der Vergangenheit – dem heutigen JETZT also – gelandet ist und
mit seinen weltraumkalt-fliessenden Strukturen trotz weitgehender
Beatlosigkeit weit von purer Entspannungsmusik entfernt ist. Zu
befremdlich wirken die immer wieder aufblitzenden Sprachfetzen und
abgehörter Funkverkehr, zu kühl klingen die Pianos und zu
verstörend die durch den Verzerrer gejagten Synth- und
Gitarrensequenzen. Es liegt eine Spannung über diesem Tape, die zu
Beginn der B-Seite die Luft nahezu greifbar verdichtet. Was auch
immer das Thema dieses zukünftigen Films sein mag, es verkörpert
Bedrohung in einem Masse, deren Intensität das heute Vorstellbare
bei Weitem übersteigt.
Ebenfalls filmreferentiell ausgerichtet
ist das auf Alien Transistor erscheinende Album „Return“, welches
als drittes Album der Formation Saroos binnen knapp 38 Minuten
Spielzeit musikalische Bezüge zur unter Cineasten als Film Noir
geschätzten Spielart der Kinokunst liefert und sich weitläufig zwischen PostRock, Easy Listening, Dub, Downtempotronica,
Jazz und Experimentalismus mäandernd jeder weiteren Einordnung
vollends zu entziehen weiss, dafür aber durchaus auch psychedelische
Hippiemomente liefert. Damit entpuppt sich „Return“ als tolles
Frühherbstalbum für heimische Kaminabende und natürliche
Kaufempfehlung für alle, die eben solche zu schätzen wissen.
Einen Film der dunkleren Sorte lässt
sich hingegen zu „The Word As Power“ drehen, dem neuen, jüngst
auf dem kongenialen Label Blackest Ever Black erschienenen Album von
Brian Lustmord a.k.a. Lustmord, der hier mit vermittels seiner
ultraminimalistischen Drone- und Dark Ambient-Visionen und den
isolationistischen Vocals von Aina Skinnes Olsen und anderen einen
quasisakralen Soundtrack für dunkle Rituale in vernebelten
Herbstnächten schafft, der von zartbesaiteten Seelen als durchaus
geisterhaft unheimlich empfunden werden kann, dem Schreiber dieser
Zeilen jedoch eben aufgrund dieser Ausrichtung als tiefgehendstes
Album der letzten Monate gilt und genau aus diesem Grund jedem
geneigten Leser dieser Zeilen schwer empfohlen sei.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 10/2013
Freitag, 11. September 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…der Trend zum Digitalen. Denn auch
wenn Spotify und sogar Youtube mittlerweile nicht nur auf
Konsumentenseite immer mehr als ernstzunehmende Quelle für den
täglichen Musikkonsum gelten und selbst Bruchteile von
Minimalsthartgeldbeträgen labelseitig als mögliche Einnahme
verbucht werden, kann auch das hochaufgelösteste .mp3-, .wav-, .ogg,
.flac oder .whatever-File bestimmte Effekte der analogen Welt nicht
ersetzen. Zum Glück.
So lässt sich beispielweise weder das
der neuesten Veröffentlichung des österreichischen Labels Hirntrust
Grind Media beiliegende (und natürlich ans Cover angelehnte)
Aufnäh-Patch noch der ebenfalls in der Hülle befindliche
ArtCard-Druck in seiner Stofflichkeit digitaliseren und auch die
gefühlte Underground-Zuordnung einer pechschwarz belabelten 7“ mit
grossem Innenloch ist nicht in Datenraten zu messen. Musikalisch
liefern die Protagonisten dieser Splitsingle natürlich dem Label
gerecht werdende Kaputtheit der allerersten Kategorie – Kenny
Sanderson a.k.a. Facial Mess erforscht mit „No Intrinsic Value“
fies industriell verzerrte Varianten von mutiertem Grindstep während
J. Randall als Sealteam 666 ein wahres Feuerwerk aus Noize,
verzerrten Gitarren und flaksalvengleichen Breakcore- / Rhythm
Industrial-Strukturen auf den freudig lächelnden Rezensenten
abschiesst. Für mehr sonische Gewalt im Club!
Ein weiteres nicht zu unterschätzendes
Erlebnis vorwiegend analoger Freude ohne Vorwarnung stellte das
Eintreffen des mysteriösen Tape-Triplets „Virgin“ / „Seams /
„Dierows“ aus der vermutlichen Feder von Christine Nogociella
dar. Versehen mit einer Warnung des „Department Of Defense /
Defense Investigative Service“ und ohne Absender- oder Labelangabe
wird hier über gefühlte drei Stunden hinweg mit langsam flutenden
Ambient-/Drone-Exkursionen, vermutlich illegal abgehörtem
Radioverkehr und befremdlich weltraumkalten Klangpassagen die
Zeitmatrix völlig ausser Kraft gesetzt und der geneigte Konsument
schon nach wenigen Augenblicken in eine dunkle, vollkommen
fremdartige Welt versetzt, in der sich Melancholie, Trauer und das
Gefühl totaler Einsamkeit Auge in Auge gegenüberstehen. Verbreitete
mensch diese Tapes als Dauerschleife über die grossen Radiokanäle
dieses Planeten, wäre die Welt vermutlich binnen Tagen in Chaos,
Lähmung und Vernichtung a la „Krieg Der Welten“ gestürzt.
Ebenfalls vollanalog und auf nur 50
handnummerierte Exemplare limitiert ist eine – und seit langen
Jahren die erste – frisch erschienene 12“ auf dem längst
verloren geglaubten Kultlabel XXC3, das mit dem „Telepathic
Bubblevinyl Vol. 1“ seine mehr als berechtigte Auferstehung feiert.
Vier Tracks aus dem Umfeld des von Dr. Walker begründeten Liquid Sky
Berlin zwischen sexy Groove und einer der unmittelbaren Herkunft
geschuldeten Deepness, die sich über die Laufzeit der Einzeltracks
in einen hypnotisch-verspulten Trip verwandelt. Gerüchten zu Folge
ist auch Dr. Walker selbst mit einem Track vertreten, während die
anderen Produzenten dank vollkommener Informationsarmut dieser EP im
verschwommenen Dunkel verborgen bleiben – ebenso wie die
Bezugskanäle, denn der Zugang zum Besitz der „Telepathic
Bubblevinyl Vol.1“ wird nur dem gewährt, der sich noch
altgedienter Wege und Strukturen zu bedienen weiss. Im stationären
Tonträgerhandel ist dieser Tonträger ebenso wenig erhältlich wie
bei den üblichen Verdächtigen des Internet. Wer suchet, der findet
und analog ist besser.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 09/2013
Mittwoch, 2. September 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…Techno. Denn nach mehr als zwanzig
Jahren der elektronischen Tanzmusik auf der Basis des
allgegenwärtigen Viererfuß ist es zumindest in diesem Monat einmal
an der Zeit, sich im Rahmen dieser Kolumne ausschliesslich und
exklusiv der experimentellen Seite der nicht immer nur elektronischen
Musik zu widmen.
Angefangen an dieser Stelle mit den
Electronica-affinen Dubexkursionen eines Herrn namens Matthias
Springer, der unter dem nicht ganz flüssig zu sprechenden Alias
Aksutique dieser Tage seine „Notch Field E.P.“ auf Diametric
vorlegt. Limitiert auf 300 handnummerierte 12“es vereint er unter
diesem Namen drei Tracks gelagert zwischen dem Pole-Gefühl der
ersten drei Alben, der stoischen, ambientösen Ruhe früher
Senking-Veröffentlichungen, weichgezeichneten Hallfahnen und einer
raumgreifenden, dreidimensionalen Tiefe, die das Verstreichen von
Zeit anhand sich nur minimal verschiebender Klangsignaturen förmlich
greifbar macht, ähnlich wie hochauflösende Deep Space
Field-Photographie ein Gefühl für den immerwährenden
Schaffensprozess innerhalb unseres Kosmos vermittelt. Durchaus
wichtig und eine echte Bereicherung für jede gepflegte
Vinylsammlung, nicht nur wegen des auf B2 versteckten Arne Weinberg
Remix unter seinem Tarnnamen Valanx.
Ebenfalls deep und experimentell geht
es auf dem in Griechenland beheimateten Label Inner Ear Records zu,
welches sich dieser Tage mit Mechanimal's selbstbetitelten Debutalbum
dem elektrosynthetischen Shoegaze widmet und sowohl campfire'esque
Intimität als auch Suicide-angelehnte Distorsionsequenzen mit von
tiefer Melancholie geprägtem Sprechgesang kombiniert. Auf diese
Weise entsteht eine Klangwelt, die von staubigen Autobahnen in
heruntergerockten Industriegebieten kündet, von harter Arbeit und
den damit verbundenen Erfahrungen, vom Blues der Straße und von
ölverschmierten Overalls. In dieser Gesamtheit sehr zu empfehlen
zumal auch Depeche Mode mit ihrem jüngsten Album „Delta Machine“
eine nicht weit entfernte Ästethetik bedienen.
Gesang der ganz anderen Art liefert die
noch junge, aber doch sehr talentierte Lisa Morgenstern, die nicht
nur wirklich so heisst, sondern sich auch als eine der wenigen ihrer
Generation an so selten gehörte Genres wie Theatrical Chanson und
Dark Sonnet wagt und damit nicht nur auf der Bühne schwer zu
beeindrucken weiss. Im Rahmen des WGT erschienen jüngst drei ihrer
Werke als Beigabe zu Thomas Manegolds' limitierter Buch-EP
„Vorgespräche Mit Goth“ in der Edition Subkultur. Mit ihren
tiefgehenden, weitgehend Piano-getragenen Interpretationen ihrer
Songs „Kannibalische Gourmet“, „Eskalation“ und „Lieber
Tod“ zaubert Frau Morgenstern grosse Bilder auf die leere Leinwand
des Kopfkinos und schafft dabei weit mehr Dramatik und Emotion als
manch zu Unrecht geförderter Dramatik-Neuzugang der deutschen
Theaterlandschaft. Diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht ersetzt
das melancholisch-bittere „Lieber Tod“ mit seinen 329 Sekunden
Laufzeit komplette Operetten und Musicals in Gänze und ist damit
wohl die intensivste Veröffentlichung des laufenden Jahres. Wichtig.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 08/2013
Samstag, 22. August 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…November. Denn während diese Zeilen
entstehen ist es noch Mai, der in diesem Jahr November heisst, und
der grau überzogene hanseatische Himmel entlädt Fluten und Fluten
von Regentropfen über einem Erdreich, das schon längst kein Wasser
mehr aufnehmen kann. Es ist nicht Monsun, dafür ist es zu kalt, und
statt eines erfrischenden Sommergewitters legt sich Melancholie über
die Stadt.
Passend zu dieser Unjahreszeit
veröffentlichte das grossartige Anticon.-Imprint mit Baths'
„Obsidian“ jüngst das erste echte Herbstalbum des Jahres, das
Downbeat / Backpacker HipHop, intimes IndieFolk-Feeling,
Falsetto-Gesang sowie elegische Streicher und verschwebte
Hintergrund-Chöre in Perfektion zusammenführt, um daraus einen
höchst angenehmen Soundtrack für Kuscheldeckenabende vor dem
heimischen Kaminfeuer zu formen. Selbst clubbigere Tracks wie „Miasma
Sky“ mit seinem heimeligen Regentropfensampleintro brechen aus der
herrschenden Intimität kaum nennenswert aus und so ergeben die zehn
auf „Obsidian“ versammelten Songs in ihrer kompletten Lauflänge
ein harmonisch rundes Gesamtpaket für die Plattensammlung eines der
Melancholie durchaus zugetanen Menschen.
Grau und hoffnungslos, jedoch
energiegeladener ist auch die Welt des Projektes N.R.F.B. a.k.a.
Nuclear Raped Fuck Bomb um die beiden Masterminds Mense Reents und
Jens Rachut, das mit „Trüffelbürste“ dieser Tage sein Zweitwerk
in Albumform auf Major Label vorlegt. Weniger krawallig als auf ihrem
Debut ist der ursprüngliche nukleare ElectroPunk ist einer gefühlten
PostIndie-Attitüde gewichen, die der Resignation vor dem Alltag mit
Ironie und unterschwellig versteckter Bösartigkeit in den Lyrics
begegnet. Ein Song wie „Hälfte Des Gehirns“ erinnert zeitweilig
an die Genialen Dilettanten des 80er Jahre Berlin während „Zoo Im
Krieg“ auf wunderbare Weise fast krautrockig zu nennende
Flächenelegien mit marschierenden 4/4-Drums und hypnotisch loopenden
Gitarren fusioniert und so auch der (Neo)Cosmic-Posse zur Genüge
gereicht. „Kollegenschwein“ hingegen kommt dem katalysiertem
Wahnsinn ebenso gleich wie der überdrehte Easy Listening-Aspekt von
„Der Ziegentreiber“ und dem etwas abstrakten „Fotoapparat“.
Ein Album für die speziellen Momente des Lebens.
Doch hinter all dieser Trübnis wartet
auch ein Silberstreif am Horizont – diesmal in Form des von Martin
Scheer betriebenen und jüngst aus der Taufe gehobenen Berliner
Labels Antime, welches dieser Tage seinen ersten 12“ Tonträger
unter dem Namen „Antime V2“ in die Welt entlässt. Verortet
zwischen verträumten DeepHouse-Elegien, Electronica- /
(Neo)Cosmic-Referenzen und der dieser Tage obligatorischen Verneigung
vor Future Garage kommen die sechs Tracks der Vinylversion von
Abigail, Sebastian Dali, Owlet, Andreas Buchner, Midimum und dem von
Audiolith's Stiff Little Spinner-Serie schon hinreichend bekannten
Kalipo. Vor allem die epischen Breakdowns des Midimum-Openers „Junk
Beach“ und die melancholiebehaftet angejazzten House-Pianos von
Sebastian Dali's „Lady Marian“ gehören dieser Tage in jede
gutsortierte Plattenkiste. Gelungener Start in eine leuchtende
Zukunft.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 07/2013
Mittwoch, 12. August 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…Post... -whatever: PostDubstep,
PostStep oder deren Derivate Skweee, Wonky und Aquacrunk, die mehr
als maßgeblich zur Verwässerung eines Genres beitragen dessen
kreativer Zenit in den Augen des Verfassers dieser Zeilen seit mehr
als einem halben Jahrzehnt überschritten scheint. Und doch gibt es
sie, die vereinzelten Ausnahmen in denen Dubstep als Ausdruck der
urbanen Paranoia in seiner reinen, reduzierten Form auch dieser
Tage noch seinen Weg via 12“ Vinyl auf die Plattenteller der Clubs
findet.
So zelebriert beispielsweise Infra auf
seiner im April erschienenen „Inside The Cold Mountain EP“ auf
F4TMusic ein beklemmendes, hyperskelettiertes SciFi-Szenario in drei
Akten, das in seinen grossen Momenten ein ähnliches Schaudern
hervorruft wie zuletzt Distance anno 2007 mit seinem via Planet µ
erschienenen Werk „My Demons“. Gerade der Titeltrack mit seiner
nahezu statischen Sinusbassline und das futuristische „Propulsion“
bestechen durch ihre Fokussierung auf athmosphärische Dichte ohne
sich in unnötiger Effekthascherei zu verlieren. Purismus für die
dunklen Stunden der Nacht.
Auf ähnlich geartetem Terrain bewegen
sich überraschenderweise auch Ulterior Motive mit ihrem auf
Metalheadz veröffentlichten „Elephant Tune“, der als statischer
SciFi-Roller den Sound des nie zu vernachlässigenden Labels in
Richtung Dubstep öffnet, während das A-seitige „Right Here“ die
Drum'n'Bass-Szene vermittels tiefgehend-verführerischer Female
Vocals, schwarztunnelnder Basslines am unteren Ende des hörbaren
Spektrums und konsequent klapperndem Beatfeuer aufmischt.
Funktioniert nur auf wirklich exzellent eingestellten Anlagen und
fordert per se einen zweifachen Rewind. Killer.
Selbst der seit geraumer Zeit aus
meinem persönlichen Fokus verschwundene Skream sorgt dieser Tage
wieder für Überraschungen, hebt doch „Kingpin“ - eine
Studiokooperation mit DJ / Producer Friction sowie den
Grime-assoziierten MCs P Money, Scrufizzer und Riko Dan – das noch
recht frische Drum'n'Grime-Genre auf ein neues Level und liefert
allen DJs eine massive Hymne für jeden Rave, gegen die der
flipseitige Calyx & Teebee Remix trotz unbestrittener
Dancefloor-Funktionalität doch wesentlich abfällt.
Seit jeher in Future Garage-Gefilden
verortet ist das von Doc Daneeka betriebene Imprint Ten Thousand Yen,
das dieser Tage mit seiner siebten Veröffentlichung aufwartet.
Verantwortlich für beide Tracks der 12“ zeichnet Xxxy, der mit
„Progression“ einen Synthie-beladenen Crossover zwischen
TechHouse und eben genanntem Future Garage liefert, während
„Thinking 'Bout“ mit elektroidem Swing dem neuzeitlichen
Garage-Sound alle Ehre macht, durch perfekt bearbeitete
Vocal-Snippets betört und natürlich auch im unteren Bassbereich
ordentlich drückt. File under: 23rd Century Swing.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 06/2013
Sonntag, 26. Juli 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…“Exai“. Denn während die halbe
Electronicawelt das neue Album der unter dem Namen Autechre
firmierenden Glitch- und Abstraktionsfrickler Rob Brown und Sean
Booth heiß diskutiert, schickt sich der in Bukarest beheimatete
Produzent Octavian Justinian Uta a.k.a. Yvat an, den beiden
britischen Herren mit seiner neuen Veröffentlichung auf Minor Label
klammheimlich den Rang als Electronica-König abzulaufen. War sein
letztes Release „Collider“ noch geprägt von industrieller Härte
geht es auf der auf 200 Exemplare limitierten „Feldspar EP“ in
vier Variationen um die Verknüpfung abstrakter, teils verfrickelter
Beats mit warmen Bassläufen und zarten, träumerischen Melodien
sowie – siehe auch „Feldspar 1.2“ - einer weltraumkalten sci-fi
Attitüde, die auch den Autechre-Releases der mittneunziger Jahre
innewohnte. Es ist doch immer wieder erstaunlich wieviel verborgenes
Talent sich noch in den Staaten des ehemaligen Ostblocks weitgehend
unter dem Radar der westlichen Wahrnehmung bewegt und dann von
entdeckungsfreudigen Klein- und Kleinstlabels an die Oberfläche
gefördert werden – watch out for Yvat, ich prophezeihe dem Mann
noch Großes.
Groß im Sinne von episch über zwei
CDs verteilt ist auch das „Live / Remix“-Album des Londoner
Portico Quartet auf Real World Records, das mit seiner Musik zwischen
Ambient, Electroakustik, TripHop / Downbeat sowie immer wieder auch
frei fliessenden Jazz-Elementen und ein wenig cineastischem Kitsch
pendelt. Während sich die „Live“-CD aus Tourmitschnitten des
Jahres 2012 zusammensetzt und so die Arbeit der Musiker auf der Bühne
im Zusammenspiel mit dem Publikum perfekt einfängt, treffen sich im
„Remix-Teil unter anderem so illustre Namen wie SBTRKT, Luke
Abbott, DVA und Konx Om Pax, verleihen dem Portica Quartet einen
neuen Anstrich und transferieren die Tiefe der Originale in Richtung
Future Garage, lange verschollenen geglaubte Sublow-Areale – DVA!
-, Dillon'esque unschuldigen Experimentalpop, bassgetriebene
TechGarage-Hybriden oder liebliche Ambientsphären zu einem rundum
gelungenen Gesamtpaket, das jede CD-Sammlung bereichert. Gut.
Im Gegensatz zu vorgenannter, doch
recht dezent daherkommender Veröffentlichung präsentiert sich das
dieser Tage schwer gehypte Imprint Long Island Electrical Systems,
kurz: L.I.E.S., mit seiner aktuellen Veröffentlichung nahezu
unversöhnlich brachial, geht es bei den drei auf Verekers „Rosite
EP“ enthaltenen Tracks doch um Musik für fortgeschrittene
Bunkerbeschallung. Dumpfer, roher und brutalstmöglich analoger Acid
und Techno, der sich mit seiner Live-Anmutung und vermittels langer
Tracklaufzeiten wunderbar durch die äußersten Schalen des
zerfeierten Raverhirns frisst und dort bösartig blubbernde
Säurespuren hinterlässt, auch wenn die 303 nur auf dem
titelstiftenden A-Seiten-Tune offensiv zwirbelt. Musik für das Leben
im Untergrund.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 05/2013
Donnerstag, 16. Juli 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…being short of time. Denn für
manche Veröffentlichungen braucht es Ruhe und Zeit, sie müssen
reifen wie ein guter Whisky und vor allem auch wie dieser möglichst
in einem Moment ungetrübter Aufmerksamkeit konsumiert werden.
Jene Aufmerksamkeit verlangt zum
Beispiel das aktuelle und vor allem auf nur 25 mittlerweile
wahrscheinlich vergriffene Exemplare limitierte Opus Magnum des
nimmermüden Sascha Müller unter dem Titel „Sun Moon Stars“.
Erschienen schon am 21.12.2012 – in Zeiten der kurzen
Aufmerksamkeitsspannen rekapitulieren wir: Weltuntergang... nee, doch
nicht. - geriet dieses schon auf Grund seiner blossen Gesamtlänge
von 180 Minuten verteilt auf 3CDrs mit jeweils einem einzigen
einstündigen Track ein wenig in Rezensionsverzug. Doch die
Rückstellung hat sich gelohnt, finden sich hier doch spannende
Variationen in LoopAmbient – zum einen hypnotisch pulsierend wie in
„Sun“, unangenehm, strahlenkalt und mit psychoakustischen
Effekten spielend (“Moon“) oder schlussendlich urtümlich rituell
und getragen von den eindringlichen Didgeridoo-Schleifen der „Stars“.
Wo nimmt der Mann nur die Vielzahl der Ideen und vor allem die Zeit
für ihre Umsetzung her? Ohne direkte Vergleiche ziehen zu wollen
nimmt diese Umtriebigkeit und Konzeptbezogenheit schon fast
Namlook'sche Züge an.
Ebenfalls konzeptionell, wenn gleich
auch musikalisch vollends anders orientiert ist das Album „Maskenball
der Nackten“, das der ehemalige Goethes Erben-Frontmann Oswald
Henke mit seiner kurz HENKE betitelten Band im März auf dem neuen
Label Dryland Records veröffentlichte. Natürlich immer noch für
alle Fans der schwarzen Szene unverkennbar er selbst - vor allem dank
seines zuweilen sperrigen, immer jedoch leidenden Sprechgesangs -
präsentiert sich das neue Projekt zwischen epischer, fast
überladener Romantik („Grauer Strand“), abstrakter
Nachdenklichkeit („Zeitmemory“) oder mal mehr, mal weniger
offensichtlicher Ausrichtung auf die
Zwei-Schritt-Vor-Und-Zwei-Zurück-Tanzfläche („Vergessen“ /
„Epilog“). So verortet erschließt sich „Maskenball Der
Nackten“ gerade dem Nichtvertrauten nicht zwingend beim ersten
Durchlauf, fügen sich die Songs erst mit der Zeit zu einem düster
nagenden Gesamtbild, auch wenn das treibende „Fernweh Ist“
szeneintern schnell zum Hit mutieren dürfte.
Im direkten Vergleich dazu
veröffentlicht der Hamburger Künstler Incite Hu mit seiner kürzlich
auf Hafenschlamm Records erschienen „Gift EP“ das Blueprint für
verstörende Unmusik im Sinne der sogenannten Genialen Dilletanten
und liefert mit den beiliegenden Digitalis-Samen zusätzlich echtes
und nicht nur akustisches Gift für die geschundenen Seelen dieser
Welt: verrauscht industrielles LoFi-Knorkeln trifft hallende
Tapeschleifen mit verfremdeten Stimmfetzen, scheinbar gegenläufige
Strukuturen und beklemmend paranoide Sounds. Während die A-Seite
ohne Unterbrechung eine Liveperformance des Projektes im Golden Pudel
Club dokumentiert liefert die Flipside der auf 147 Exemplare
limitierten 12“ zwei Variationen des RhythmIndustrial AntiHits
„Arsch Brennt“ und damit den idealen Soundtrack für den nächsten
Spank-Exzess der Wahl.
Tl;dr: Unit Moebius trifft auf Vatican
Shadow zur gemeinsam überdosierten Opium-/Crack-Party. Krank.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 04/2013
Mittwoch, 8. Juli 2020
THERE'S MORE TO LIFE THAN...
…silence. Denn auch wenn
kontemplative Stille durchaus etwas Beruhigendes und Angenehmes haben
kann, ist die Verunreinigung eben jener durch das Phänomen Geräusch
die elementare Grundlage des Business, in dem wir uns bewegen.
Ähnlich meditativ wie in der Stille an
sich geht es auf der neuesten Veröffentlichung des Labels Voluntary
Whores zu, das allen Drone- und Ambientliebhabern mit der
Katalognummer 003 ein C105-Tape – ja, liebe Kinder: 105 Minuten
Musik auf einer Audiocassette – des neuen, bislang noch etwas
rätselhaften Projektes Nogociella serviert und damit nicht nur
extrem tiefenentspannte Musik, sondern zum wiederholten Male auch ein
begehrtes Sammlerobjekt liefert. Limitiert auf nur 40 Exemplare
weltweit – wie gewohnt in 7“-Plastiktasche mit zwei Photos und
einer partiell grenzwertigen Beigabe auf deren Widerlichkeitsfaktor
an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll. Aber nicht
umsonst lautet der Titel „Quando Comincai A Vomitare“ - und ja,
es geht ums Kotzen und um andere recht unglaubliche Dinge wie
nichtexistente Kirchen und verschwindende Menschen. Auch wenn die
Musik für sich allein gestellt das nicht vermuten lässt.
Das genaue Gegenteil zur vorgenannten
musikalischen Meditation liefert das österreichische Spezialimprint
für hyperkaputte Musik jeglicher Art mit seiner jüngsten
Veröffentlichung. Die Rede ist von Micky Napalms “Toxic
Elements“, die seit Anfang des Jahres via Hirntrust Grind Media
ihre Runden in den eingeweihten Zirkeln dieser Welt dreht. Fies
verzerrter IndustrialNoiseHop in toxisch grünem 7“-Vinyl mit
gewohnt grenzwertigem Coverartwork, das – ebenso wie die Musik –
weder für nervenschwache noch für minderjährige Menschen wirklich
geeignet ist. Wer allerdings mit einer gesunden Vorliebe für
zerfetzte Nervenzellen gesegnet ist, darf an dieser Stelle beherzt
zugreifen, denn das „Grind“ im Labelnamen liesse sich auch
problemlos durch „Gore“ ersetzen und die Krankheit hat System.
Partiell laut und ungewohnt
tanzflächentauglich geht es auf dem ersten Release des neuen Label
Raketenbasis Haberlandstrasse zu, auf dem Betreiber und
Littlebrutalravebastard Sascha Schierloh in halber LP-Länge unter
den Tarnnamen Bidol Cath und Rgyeue DF seiner Leidenschaft für
verquasten Techno härterer Grade frönt und seinen legendären Track
„Guck Mal Ihre Beinchen An Wie Ein Schwein“ sogar von
Industrial-Legende Xotox remixen lässt. Auf der Flipside findet sich
dann ein von Michael Nowicki a.k.a. Panzerboy666 a.k.a. Cosmo
Woslowski produziertes Electronica-Medley mit wahnwitzigen 19+
Minuten Spielzeit. Raketenbasis Go! Go! Go!
Eine große Überraschung ist auch das
schon im Dezember auf R&S Records veröffentlichte MPIA3-Album
„Your Orders“, das nach dem meines Erachtens eher schwachen
Neustart des Labels zum ersten Mal wieder eine Form gesunder roher
Härte und die damit eng verbundene Ekstase zurück in den Katalog
der legendären Plattenfirma bringt. Die sechs Tracks auf Doppelvinyl
strotzen mit ihren hochkomprimierten Bassdrums nur so vor Kraft und
dekliniert das Thema Acid zwischen reduziert und clubbig-verspult mit
Chicago-Einfluß bis hin zum zerstörerischen Bunkerbrecher und
bretthartem IndustrialElektro mit kreischenden 303-Linien einmal
komplett durch. Völlig unerwartet wartet R&S hier mit dem Mut
und der Klasse längst vergangener Tage auf und katapultiert sich mit
nur einem Release zurück auf meine persönliche Watchlist. Massivst.
Gastkolumne für Fazemag, Ausgabe 03/2013
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